Fluggeschichten des Tempelhofers

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    • Fluggeschichten des Tempelhofers

      Da sich durch die Veränderungen auf der Kurierseite auch die Internenlinks verändern, möchte ich meine Geschichten hier ins Forum holen. Bisher waren diese Geschichten verborgen im alten Magazinteil der Kurierseite hinterlegt. Auf Bilder müsst ihr allerdings dabei erstmal verzichten, da ich primär erstmal die Texte sichern möchte. Leider sind 2 Geschichten wohl schon verloren gegangen.

      Auch wenn sie schon bekannt sind, viel Spaß beim lesen 8o .

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    • Zwischen EINN und EICK

      Ein unvergessener irischer Tag

      Es hatte angefangen leicht zu regnen und die Wolken wurden immer dichter. Ich stand neben meiner Maschine, mitten auf dem Flugplatz von Bielefeld. Gestrandet durch einen kleinen Auftrag. Dahin der Traum von einem verlängerten Wochenende mit Sommerbräune, Strandleben und dem beruhigen Geplätscher am Strand. Stattdessen Nasskühle in der Pampa mit städtischer Geräuschkulisse. Schlimm genug, dass ich dieses Wochenende ohne meine Frau auskommen musste, aber nun auch noch das hier. Wer schon einmal am Flugplatz von Bielefeld war, weiß es ist kein einladender Ort. Um einen herum nur Wald und Siedlungshäuser. Auch die nahe Stadt ist nicht wirklich ein Platz zudem es mich hinzieht. Bielefeld ist eben eine Stadt, wie Hunderte andere auch, welche nach dem Krieg vollkommen neu aufgebaut werden musste. Hübsch kann man das Ergebnis nun eben nicht nennen. Aber alles Lamentieren half nichts, ich musste hier nun ausharren, bis ich die Maschine zurückbringen ,oder mit einen neuen Auftrag weiterfliegen, konnte.
      „Also, was soll's, mach das Beste draus" sagte ich mir, „in dieser Stadt ist zumindest immer irgendwo etwas los". So ignorierte ich einfach das Wetter und machte mich auf den Weg in die Stadt. Mein Ziel war es, einen Pub zu finden. Ein schönes irisches Dunkel, das wollte ich jetzt genießen. Dazu nette Folkmusik, in der Art wie ich sie liebe, locker fröhlich, ungezwungen. Ich wusste noch von einem früheren Abstecher, dass es in der Nähe vom Klosterplatz eines geben musste. Ich schien zum rechten Augenblick eingetroffen zu sein, eine kleine Gruppe hatten gerade ihre Fideln und Flöten ausgepackt und angefangen eine lustige irische Weisheit zum Besten zu geben. Ich ging gleich durch bis zum Tresen und bestellte mir aus Tradition drei Guinness. Dann setzte mich in eine Ecke des Lokals und lauschte dem Treiben und der Musik. Es dauert auch nicht lange, bis sich die Plätze um mich herum füllten. Ich bekam davon jedoch nicht viel mit, so sehr ließ ich mich von der Musik und meinen Gedanken gefangen nehmen. Das änderte sich jedoch schlagartig, als ich einen heftigen, fast schmerzlichen Stoß in meine Rippen spürrte. Verärgert über diese Störung drehte ich mich um, bereit dem Störer deutlich meine Meinung zu sagen, und war wie vom Donner gerührt. Vor mir stand mein alter Fliegerkumpel Angus McCadritch aus Shannon. In seinen Händen hielt er, wie sollte es anders sein, 3 Guinness (von wem hatte ich wohl diese Tradition) und grinste mich wie gewohnt an. Mein ganzer Groll war wie weggeblasen. Und wie er so vor mir stand und grinste, musste ich einfach an die Geschichte denken, wie wir uns kennengelernt hatten. Eine typische irische Geschichte, zwischen EINN und EICK.

      Fáilte go dtí ar eachtra nua.

      Es war ein schöner, ruhiger Vormittag vor einigen Jahren. Ich machte gerade bei einem kleinen Airkurierdienst in Shannon / Éire meine ersten Erfahrungen als Berufspilot. An diesem Tag sollte nur ein kleiner Blitzkurierdienst zwischen Shannon und Cork erledigt werden. Als „Lehrling" war ich Angus McCadritch als Zweiter zugeteilt worden. Er war nur etwas älter als ich, hatte jedoch schon einiges mehr an Flugstunden auf dem Buckel. Äußerlich war er ein irischer Kerl, wie er im Buche steht. Sein lockiges Haar hing ihm frech über die Stirn und seine markanten dunklen Augen strahlten vor Lebensfreude. Er war hier aufgewachsen und kannte jeden Baum und Strauch. Mir war gesagt worden, ich sollte ihm blind vertrauen, denn wenn einer Bescheid wüsste, dann Angus. Es schien also ein schöner und vor allem ruhiger Tag zu werden.

      Unsere Maschine war an einem der äußersten Stellplätze abgestellt. Da McCadritch noch nicht da war, machte ich erst einmal eine Außenrunde und bereitete die Maschine für den Flug vor. Ich hoffte das McCadrith bald kommen würde und wir losfliegen könnten. Ich hatte heute nur einen Wunsch, den Auftrag schnell hinter mich zu bringen, denn um nichts in der Welt wollte ich mein Date mit Niamh heute Abend verpassen.Sie war eine bildschöne rothaarige 19 jährige Studentin aus Dublin, die den Sommer bei Verwandten in Shannon verbrachte. Wir hatten uns vor einigen Tagen im Pub kennengelernt und waren ein paar Mal ausgegangen. Mich hatte es bereits am ersten Tag schwer erwischt und heute wollte ich ihr endlich sagen, wie sehr ich mich verliebt hatte. Es sollte also unser erstes richtiges Date stattfinden.

      Bald darauf war ich mit den Vorbereitungen fertig, wer jedoch noch nicht da war, war Angus McCadritch. Da man es in Éire eh nicht so genau mit der Zeit nimmt, wie in Deutschland, war ich über diesen Umstand zwar enttäuscht aber nicht beunruhigt. Rumstehen wollte ich jedoch auch nicht und so stieg ich wieder ein, setzte mich, natürlich auf die linke Seite, etwas Strafe musste doch sein, und überprüfte alles ein zweites Mal. Jedoch stand ich dann trotzdem über 1 Stunde doof rum und fühlte mich immer mehr wie "bestellt und nicht abgeholt". Schlussendlich kam Angus McCadritch dann doch noch. Es ging schon auf Mittag zu und ich wurde nun doch sehr ungeduldig. Ihr wisst noch das Date. Er lachte mich herzlich an und sagte: "Céad míle fáilte. Ich hoffe Du hast nicht zu lange gewartet". Mir fiel in diesem Moment vieles als Erwiderung ein. Aufgrund seines entwaffnenden Lächelns kam bei mir aber letztendlich auch nur ein Lächeln als Erwiderung raus. Wir sind ja in Irland, da ticken die Uhren eben anders.

      Teil 1
    • Zwischen EINN und EICK Teil 2 von 2

      Da ich nicht viel sagte, schaute er sich nur um, kontrollierte, ob ich alles richtig vorbereitet hatte, und zog dann den Wetterbericht aus der Tasche. Es war leichte Bewölkung, kaum Luftbewegungen zu erwarten und ab und zu mal ein Regenschauer angesagt. Also typisch irisch. Wir melden uns an und bekamen leider die 24er zugewiesen. A long way to trappel to foot.
      Das einzig Gute daran war, dass man auf dem Weg zur 24ziger etwaige Checklisten komplett durchgehen konnte. Am Ende konnten wir direkt auf die Bahn eindrehen, ohne Wartezeit. Flaps 30, Motor genügend Saft geben, den Propeller einstellen und ohne Stand direkt "Take-off". Es war dann ein ruhiger Flug nach Cork. Angus scherzte die ganze Zeit und ließ mir dadurch keinen Raum unwirsch oder gar sauer zu werden. Da er herausbekommen hatte, dass ich für heute Abend ein Date geplant hatte, gab es für ihn nur ein Thema. Wer, wie, was und wo. Vor allem das „Wer" schien ihn zu interessieren.

      Wir kamen gut voran und schon bald waren wir in der Reichweite von Cork. Der Tower wies uns die 17 zu, also ein direkter Anflug ohne Platzrunde. Die Landung auf der 17 ging glatt vonstatten, ich segelte bilderbuchmäßig auf die Bahn. Als ich jedoch schon dabei war die Runway in Richtung Appron zurück zu taxeln, ergriff Angus das Micro und meldet uns für den Parkplatz an der 35 an. Ich muss ziemlich verblüfft ausgesehen haben, so heftig wie Angus lachen musste. Aber er war der Chef und so bog ich auf den Parkplatz an der 35 ab und stellte die Maschine aus. "Geh ein wenig Luftschnappen", sagte er. Ehe ich etwas erwidern konnte, war er draußen und hinter der nächsten Hütte verschwunden.
      Es dauert fast 2 Stunden bis Angus zurück kam und wir endlich zum Gate konnten. Ich fragte ihn gar nicht erst wo er gewesen und vor allem was in der Kiste war, die er mitgebracht hatte. Am Gate angelangt mussten wir natürlich erst mal schauen, wo der Kunde mit der "Blitzlieferung" steckte. Immerhin hatten wir mittlerweile 4 Stunden Verspätung. Für mich als Deutscher eine mittelschwere Katastrophe, Angus sah das aber alles locker. Der Kunde, den wir dann bei einem Guinness im Dutyfree fanden, übrigens auch. Bis wir dann alles eingeladen und unterzeichnet hatten, war jedoch wieder mindestens eine Stunde vergangen. So langsam wurde es Abend und mir kamen die ersten Zweifel, ob ich mein Date noch schaffen würde. Und als dann endlich alles fertig war, wer glaubt ihr fehlte? Richtig, Angus. Es schien mir damals leichter einen Sack mit Flöhen zu hüten, als mit ihm als Partner zu fliegen. Aber diesmal war er recht schnell wieder da und so konnten wir dann endlich los. Mit sage und schreibe insgesamt 6 Stunden Verspätung.

      Zu meinem Glück hatte der Wind gedreht und wir bekamen die 35 für den Start, die uns ohne Schnörkel direkt in Richtung Shannon bringen würde. Also über die Runway, am Ende gedreht und wie gehabt Flaps, Saft, los.Es dämmerte jetzt schon und ich rechnete bereits damit, eine Nachtlandung hinlegen zu müssen. Zu meiner Verwunderung hatte Angus übrigens nicht ein einziges Mal bis jetzt darauf bestanden, die Plätze zu tauschen bzw. den Knüppel in die Hand nehmen zu wollen. Er macht es sich in seinen Sitz so bequem, wie es ging, und erzählte seine Witze und Storys. Ich hatte das Gefühl er wollte mir im Alleingang die Geheimnisse Irlands erklären. So wurde es ein entspannter Rückflug, bzw. wäre es geworden. Ja, wenn mir nicht die entspannte Stimmung im Flugzeug und die wunderschöne Abendsonne, mit ihren warmen Strahlen, die Zunge gelockert hätten. Während Angus noch über Èire und seine Seele redete, fing ich an, ihm von Niamh zu erzählen. Ich erzählte ihm, was ich für heute Abend geplant hatte und wie wichtig mir Niamh mittlerweile geworden war. Ich schütte ihm sozusagen mein Herz über Niamh aus. Da wurde er etwas ruhiger und schaute mich immer mal wieder genauer an, jedenfalls kam es mir so vor. Ich hatte plötzlich das Gefühl, von ihm gemustert zu werden.

      Umso mehr ich von Niamh schwärmte und ihm von Ihr erzählte, um so ruhiger wurde er. Anfangs merkte ich es gar nicht, da ich ja so viel sprach. Aber nach einer kurzen Weile fiel mir dann doch auf, dass es ruhig geworden war neben mir. Ich schaute zu ihm rüber und fragte, was los sei? Ich bekam keine direkte Antwort, vielmehr sah ich das erste Mal auf diesem Flug in ein ernsteres und nachdenkliches Gesicht neben mir. Er ging dann auch gar nicht auf meine Frage ein, sondern fing an, mich richtiggehend auszufragen. Er fragte auch immer wieder, nach wie ernst es mir mit Niamh war. Dann blieb er ruhig und schaute mich mit seinen dunklen Augen an. Plötzlich leuchtete es in seinen Augen und er sagte ich soll weiter östlich, auf der Route über Bunratty, fliegen. Ich war erstaunt und ein wenig perplex ob dieser plötzlichen Aktivität zudem auch etwas besorgt, dass wir gar nicht mehr zurückkämen. So fragte ich nur: "Warum, das kostet doch nur wieder unnötig Zeit?". Er sagte einfach nur" Mach es" und fing an „insichrein" zu lächeln. Angus war der Boss, also drehte ich nach der Freigabe ostwärts auf den Kurs um Bunratty herum. Kurz bevor wir Bunratty erreichten, beugte Angus sich nach hinten und fummelte an der Kiste, die er aus Cork mitgebracht hatte. Während er dieses tat, sagte er "Du musst noch einiges über die irische Seele lernen". In diesem Moment öffnete er dir Tür sagte "halte sie genau auf Kurs" und beugte sich weit hinaus.

      Was genau er da tat, blieb mir verborgen. Durch die geöffnete Tür hatte ich einiges zu tun, denn unsere Arrow mochte das ganz und gar nicht. Nach einem Moment, der mir wie eine Ewigkeit vorkam, richtete sich Angus wieder auf, schloss die Tür und grinste über beide Ohren. "Wenn du es ernst meinst, findest du heute Deine Frau fürs Leben". Mehr sagte er nicht. Ich war immer noch perplex über das eben Geschehene, musste mich aber jetzt auf den Endanflug konzentrieren. Durch den Umweg über Bunratty war ich gezwungen im Gegenanflug den Korridor eng zu schneiden. Zu allem Übel ging die Sonne nun ziemlich zielstrebig unter und warf mehr Schatten als Licht Shannon auf der 24 gegen die abendliche Restsonne anzufliegen, war wirklich nicht schön. Die Schwelle ist dann einfach schwer auszumachen. Nach einer engen Linkskurve setzte ich dann jedoch etwas holprig aber sicher auf der Piste auf. Ein Blick auf die Uhr, ich konnte es noch schaffen, Ihr wisst mein Date. Noch war ich also guter Dinge. Diese Hoffnung zerstob aber, als sich das Follow-Me Car direkt vor uns setzte und uns Anweisung gab, ihm zu folgen.

      Das FollowMe dirigierte uns in eine sonst nicht zum Parken zu gelassene Ecke des Airports. Mein erster Gedanke war, „Angus", was hat der angestellt. Ich war mir keiner Schuld bewusst. Als ich jedoch kurze Zeit später zu Angus rüberschaute, war meine Verwunderung groß. Statt der erwarteten angespannten Miene, sah ich wieder Angus breites Lächeln. Ein Lächeln, das mir deutlich zeigte, dass er nicht überrascht war, über das, was hier gerade ablief. Es schien sogar, als ob er es gar nicht anders erwartet hätte. In diesem Moment bekam ich einen weiteren, wenn auch weicheren, Stoß in die andere Seite meiner Rippen und war zurück. Zurück im Pub, an einem nasskalten Tag im trostlosen Bielefeld. Mein Freund Angus stand mir immer noch, über beide Ohren grinsend, gegenüber. Doch das, worüber er so grinste, war für mich eine helle Freude. Die Person, die mich eben liebvoll in die Seite gepufft hatte, war seine Cousine, meine Frau Niamh. Und Niamh forderte natürlich jetzt sehr energisch einen Willkommenskuss von mir. Was beide allerdings hier machten und was es mit der Kiste von damals auf sich hatte, das ist eine andere Geschichte.
    • Nur ein paar Worte - Von Zürich nach Aosta Teil 1

      Es war halb 4 Uhr morgens, als mich das Klingeln des Telefons unsanft aus dem Schlaf riss. „Verdammt, wer ruft denn soo früh an", ich griff schlaftrunken zum Telefon und brabbelte irgend etwas, das entfernt nach „Kaufmann" klang in den Hörer. „Guten Morgen Herr Kaufmann" schallte es mir fast fröhlich und vor allem wach entgegen. Ich benötigte zwar noch ein paar Sekunden, dann hatte ich jedoch in meinem Gedächtnis herausgekramt, wen ich da am Telefon hatte. „Guten Morgen Frau Drexsel, was verschafft mir den die wundervolle Ehre dich schon so früh am Morgen begrüßen zu dürfen?", sagte ich etwas muffellig. Ich brauchte eben etwas Zeit, um wirklich wach zu werden. Soeben einfach aus dem Schlaf gerissen zu werden, das war nicht mein Ding. Meine Verschlafenheit und Muffligkeit verschwanden jedoch schlagartig als mir Marianne Drexsel sagte : „ Jean hatte letzte Nacht einen Unfall (und was ist halb 4 Uhr morgens?; etwa schon Tag?). Könntest du seine heute startende Flugtour übernehmen? Ich weiß ja, dass du im Urlaub bist und dir etwas Spezielles vorgenommen hattest. Das tut mir auch leid." „Oder hast du gestern noch gefeiert?" Wie gesagt, jetzt war ich hellwach! Jean hatte einen Unfall gehabt, so ein Mist. Wir beide waren schon seit der Schule miteinander befreundet und hatten vorgestern mit Marianne zusammen seinen 30.ten gefeiert. „Wie geht es Jean ?" war daher meine erste Frage. „Soweit ganz Gut" war die Antwort von Marianne, „Jean hatte wohl letzte Nacht die blöde Idee, den Weg zu seinem Haus über den gefrorenen Weiher abzukürzen. Dabei hat er sich langgemacht und jetzt neben einem angebrochenen Arm eine ordentliche Gehirnerschütterung". „Na dann geht es ja noch", sagte ich, doch etwas erleichtert. Weiß der Teufel jedoch, warum mich plötzlich der Hafer stach und ich zusetzten musste „Ich denke er wird sich mit Deiner liebevollen Hilfe bald erholt haben." „Du gemeines Scheusal!" war alles, was ich daraufhin zu hören bekam, bevor die Verbindung unterbrochen wurde.

      Ich war wohl doch noch nicht so wach, wie ich es mir gerade gewünscht hätte! Ich liebte Marianne und ich wusste auch, dass sie etwas für mich empfand. In mir hatte mal wieder der Drache der Eifersucht zu geschlagen und dieser Drache war mit dem Namen Jean verbunden. Seit ich Jean kannte, hatte er mir immer die Mädels ausgespannt und diesmal? Ja, auch diesmal hatte ich das Gefühl, er könnte es wieder tun. Doch wäre es diesmal schlimmer, da ich Marianne von Herzen liebte. Daher hatte ich einfach nur noch Angst, Angst, dass es wieder passieren könnte, Angst, weil er sich an seinem Geburtstag gut mit Marianne verstanden hatte, Angst, weil ich es nicht fertigbekam, ihr zu sagen, was ich alles fühlte, wenn es um sie ging. Ich brachte es einfach nicht fertig, meine Gefühle in Worte zu fassen und erst recht nicht den Mut auf, ihr diese zu gestehen. Darum hatte ich bei allen Gefühlen um Marianne einfach nur noch Angst und verhielt mich, wie ein in die Enge getriebener Hund, ich biss.
      Ich fühlte mich, nach dem was gerade passiert war, richtig mies. Warum hatte ich das nur gesagt? Mit jeder dieser Entgleisungen, die mir bei ihr passierten, wurde das Gefühl, versagt zu haben und gleichzeitig etwas Wertvolles zu verlieren, stärker. Dabei fühlte ich mich dann einfach nur hilflos, wie gelähmt und erstarrt. Unfähig mein Lebensglück selber bestimmen zu können. Ich beschimpfte mich, war wütend auf mich selber und fing an mich langsam dafür zu hassen, so ein Feigling zu sein, das Einfachste der Welt nicht sagen zu können. Wieder klingelte das Telefon, das Display zeigte mir, es war wieder die Firma. Jedoch vernahm ich zu meinem Leidwesen nicht Mariannes Stimme. Ihre Kollegin Karin hatte statt ihrer noch mal angerufen, um zu fragen, ob ich den Flug nun machen könnte. Fast automatisch antwortete ich „Ja, Ja natürlich mache ich den Flug". Ich wollte mich doch nur bei Marianne entschuldigen, warum hatte sie nicht noch einmal angerufen? Bevor ich jedoch nach ihr fragen konnte, hatte mir Karin, in einer leicht unterkühlten Art, meine Zustimmung bestätigt, die Daten auf mein Handy geschickt und aufgelegt. Ich nahm das Handy in meine Hände und las die SMS. Ich fühlte mich irgendwie enttäuscht, als ich die Informationen las. Was hatte ich den auch erwartet, dass Marianne noch ein paar Zeilen dazu schrieb? Ich nannte mich selber einen Trottel, aber den Mut zurückzurufen, fand ich in diesem Augenblick nicht. Schöner Morgen.

      Mein Name ist Joseph Kaufmann, von Freunden werde ich kurz Joe genannt. Wenn ich nicht gerade die Fettnäpfe aufsammle, die mir das Leben in den Weg stellt, bin ich Pilot in einer kleinen Charterflugfirma aus München. Ich bin 32 Jahre jung und Single, eben ein einsamer „Ritter der Lüfte". Ich fliege für diese Firma seit nun mehr 6 Jahren. Oft sind es regelrechte Touren, sodass es schon mal 2 bis 3 Wochen dauert, bis ich wieder zurück in München bin. Hier bewohne ich am Stadtrand eine kleine 3-Zimmerwohnung. Nichts Besonderes aber klein und gediegen. Ich hatte bis eben 2 Wochen Urlaub vor mir gehabt. Einen Urlaub, in dem ich mir vorgenommen hatte, mit Marianne endlich zusammenzukommen. Seit 3 Jahren ging das nun schon mit mir und Marianne, nichts Halbes und nichts Ganzes. Um das endlich zu ändern, hatte ich mir von der Firma eine kleine Cessna geliehen und mit unserer Chefin vereinbart, dass Marianne am Freitag zu einem Kundengespräch fliegen sollte. Natürlich war das alles eine Finte und so hätte ich sie am Flughafen mit Blumen empfangen, um mit ihr dann nach Mollis zu fliegen. Dort hatte ich uns bereits Zimmer in einem kleinen, gemütlichen und familiären Hotel für ein langes Wochenende zu zweit gebucht. Das konnte ich wohl jetzt vergessen und das nicht nur wegen meiner Unüberlegtheit und dummen Eifersucht, sondern auch aufgrund der Planung, die hier vor mir auf dem Display zu lesen war.

      Diesmal stand also eine Tour durch die Schweiz nach Italien an. Wie ich den Daten auf meinem Display entnehmen konnte, sollte ich eine kleine Reisegruppe von Zürich über Ragaz und Locarno ins Aostatal bringen. Ob ich leer zurückfliegen sollte, stand noch nicht fest. Die vorgesehene Maschine war eine unserer beiden C 208er. Für die ganze Tour musste ich mit ca. 7 Tage rechnen, denn für jeden Zwischenhalt waren immer 2 Tage eingeplant. Da das hin- und herfliegen zu teuer und aufwendig wäre, war auch für mich jedes Mal ein Aufenthalt vorgesehen. Die Gruppe hatte laut Bestellung nur kleines Gepäck und war ausschließlich zum Skifahren unterwegs, so musste der Koffer nicht unter die Maschine. Es würde alles in das normale Gepäckabteil passen. Nach dem nun vorliegenden Flugplan musste ich die Maschine heute bis 12 Uhr von München nach Zürich gebracht haben. Hier würde mich die Gruppe erwarten. Nicht viel Zeit bis dorthin. Es blieb mir daher erst mal nichts andres übrig, als mich fertig zu machen, meine Tasche zu greifen und ab zum Flughafen zu fahren. Meine privaten Probleme mussten erst mal „hintenanstehen".

      Ende Teil 1
    • Nur ein paar Worte - Von Zürich nach Aosta Teil 2

      Die Maschine war gut vorbereitet gewesen und der kurze Flug rüber nach Zürich ging problemlos vonstatten. Auch im Verlauf der Tour, würden mich keine langen Strecken erwarten, dafür war die Schweiz einfach zu klein und die Strecken zwischen den einzelnen Stopps zu kurz. In Zürich angekommen wurde mir ein Stellplatz in einer ruhigen Ecke zugewiesen, der nicht weit entfernt von der Rampe war, zu der die Gruppe per Kleinbus gebracht werden sollte.Die avisierte Gruppe lies dann auch nicht lange auf sich warten und traf pünktlich ein. Als jedoch der Fahrer des Kleinbusses das Gepäck zur Maschine brachte, wurde mir schnell klar, wir hätten den Koffer doch drunter packen sollen. Es waren junge Leute, die ihren Spaß haben wollten und daher nicht nur Skier und kleines Gepäck dabei hatten. So fanden sich eben auch die Dinge im Gepäck wieder, welche man für spontane Feiern eben benötigte. Da ein Mitglied der Truppe erst in Ragaz zu uns stoßen sollte, verstaute ich die zusätzlichen Kisten erst mal auf dem freien Platz, bzw. darunter. Ich hatte die Hoffnung, dass der Inhalt der Kisten heil bleiben könnte. Nachdem das gesamte Gepäck im Flieger verstaut war, nahm ich wie gewohnt vor der Startklarmeldung das Handy in die Hand, um der Firma „Klar–Schiff" zu melden. Auch musste ich den fehlenden Koffer nachfragen, um unser Gepäckproblem lösen zu können. Doch etwas war anders, ich zögerte, als ich die Rufnummer der Firma eintippen wollte. Meine Ängste und Sorgen von heute früh waren plötzlich da, ich hatte Angst. Angst, dass Marianne rangehen würde, Angst nicht zu wissen, wie ich mich entschuldigen konnte. Wie sollte ich nach heute früh reagieren, was sollte ich ihr sagen? Ich war schon drauf und dran den Fahrer des Busses anrufen zu lassen. Aber irgendwann müsste ich sowieso wieder mir ihr reden, also wählte ich die Nummer unseres Büros. Als ich dann Karins und nicht Mariannes Stimme am anderen Ende vernahm, war ich zum einen erleichtert aber im selben Augenblick auch enttäuscht. Es ist ein Kreuz mit diesen Gefühlen, nie ist es richtig. Zu allem Überfluss klang Karins Stimme, sobald sie meinen Namen hörte, mehr als unterkühlt. Es wusste also die gesamte Firma Bescheid. Man Joe, was hast du da bloß wieder angestellt?


      So brachte ich meine Meldung schnell hinter mich und fragte nach, ob der Koffer nach Ragaz gebracht werden könnte. Nach einem kaltem, „Den brauchen sie? Dann sollen sie ihn bekommen" und „das machen wir schon Herr Kaufmann, fliegen SIE mal ihre Tour" legte Karin auf. Ohne mir die Möglichkeit geben zu haben, mich nach Marianne zu erkundigen und zu fragen, warum sie nicht mehr ans Telefon gegangen war. Mit diesen Gedanken in meinem Kopf startete ich dann die Turbine und holte mir die Rollfreigabe. Wobei ich mich auch noch versprach, was der Lotse mit einem dummen Spruch quittierte. Ja wer den Schaden hat, der braucht für den Spot nicht zu sorgen. Unter diesen Voraussetzungen ging die Reise los. Ja Reise, so kann man wohl auch das Taxeln auf dem Züricher Airport nennen. Ich sollte einmal quer über den ganzen Airport zur 16. Weiß der Kuckuck, warum der Lotse mich auf eine derartige Rundtour über den Airport schickte. Na gut, es hat ja auch sein Positives, so konnten die Fluggäste noch mal etwas vom Treiben auf einem Airport sehen. Aber ein langer Weg mit Runwaykreuzung blieb es doch und so verbannte ich alle Gedanken an Marianne erst mal aus meinem Kopf und konzentrierte mich auf das, was vor mir lag. Dass dieser Flug bzw. zumindest der Start doch meine gesamte Konzentration benötigen würde, spürte ich schon auf dem Taxiweg. Denn der Wind rüttelte spürbar am Flugzeug. Es würde wohl kein allzu ruhiger Start werden. Diese Annahme bewahrheite sich dann auch. Beim Start wurde die Maschine etwas gebeutelt und gedrückt. Man kann auch sagen, es wackelte ganz schön. Typisch Zürich, dachte ich und hoffte nicht nur, dass der Inhalt der Kisten auf dem freien Platz ganz blieb, sondern dass keiner der Fluggäste schon jetzt die Tüten benötigen würde. Sobald wir genügend Höhe erreicht haben und aus dem Gebiet von Kloten raus wären, würde es von alleine ruhiger werden.


      Weitestgehend sollte ich auch recht behalten und mein Wunsch sich erfüllen, zumindest blieb der Kisteninhalt ganz. Sobald wir den Flughafen hinter uns gelassen hatten, nahm ich Kurs über den Zürichsee, um in die Alpenkette Richtung Rheintal einzufliegen. Der Wind blieb bis kurz vor der Alpenkette böig, aber war nicht mehr so unangenehm wie beim Start. Die Sonne schien und einer der Fluggäste fühlte sich sogar so wohl, dass er ein paar Bilder vom Flug machte. Beim Einflug in das erste Tal Richtung Ragaz, ließ der Wind fast komplett nach. Hierdurch ermutigt und um meinen Fluggästen etwas zu bieten, flog ich recht tief über den Walensee und in das Rheintal rein.Schließlich sollten meine Gäste ja auch was Schönes zu sehen bekommen. Beim Einflug in das Tal schaute ich kurz nach Steuerbord. Dort hinten lag Mollis, dachte ich doch recht wehmütig, das eigentliche Ziel deiner Reise. Viel Zeit zum weiteren darüber Nachdenken hatte ich jedoch jetzt nicht. Zwar war Wind hier im Tal deutlich abgeflaut, da ich aber nahe an den linksseitigen Berghängen entlang flog, um den Anflug auf Ragaz gut treffen zu können, war meine ganze Konzentration gefordert. Der Anflug auf Ragaz war sowieso nicht so einfach. Ragaz war nicht wirklich auf Flugzeuge wie meine C 208 ausgelegt und hatte auch keine eigene Luftüberwachung. Zu alledem kam dann noch eine, freundlich gesagt, kurze Bahn hinzu und die Lage des Platzes, ungünstig am seitlichen Talrand.

      Ich hatte mir vorgenommen, vom Walensee kommend, den direkten Anflug auf die 12 hinzubekommen, damit ich gleich am Ende der Piste auf das Vorfeld abbiegen konnte. Wer Ragaz schon einmal von Chur kommend auf der 36 angeflogen ist, weiß, dass es sehr schwierig ist, mit einer C 208 am Ende der Piste zu drehen, ohne in den Dreck zu kommen. Von den Schwierigkeiten im Anflug mal ganz abgesehen. Wie gesagt der Flugplatz ist nicht wirklich für eine C 208 geeignet. Soviel zum Thema Planung. Mein geplanter Anflug klappte insoweit, als das ich wie vorgesehen ins Rheintal einflog. Leider hatte ich meine Rechnung ohne den unbeständigen Wind gemacht. Dieser kam nun, anders als vorhergesagt, aus westlicher Richtung und drücke nicht nur das Flugzeug etwas zu sehr in die Talmitte, sondern auch Wolken hinterher. Es wurde diesig und so passierte, was ich befürchtet hatte, ich flog am Flugplatz vorbei. Jetzt musste ich also den ungeliebten Anflug aus Richtung Chur (36) machen und sehen, wie ich am Boden drehen konnte. Drehen musste ich jetzt auch in der Luft, um den Gegenanflug einleiten zu können. Hierfür musste ich fast bis vor Chur fliegen. Erst dort gab es genügend freien Luftraum, ohne Gefahr zu laufen an den Bergen kleben zu bleiben oder anderen Flugverkehr zu stören, um zu wenden. Es war einfach zu diesig und ohne Luftraumkontrolle, war mir das Wenden im engen Tal direkt über Ragaz einfach zu gefährlich. So drehte ich also über Chur eine Runde, um mich dann auf den Anflugkurs nach Ragaz zu begeben.
    • Nur ein paar Worte - Von Zürich nach Aosta Teil 3

      Ich teilte meinen Anflug und die in Aussicht genommene Bahn per Verkehrsfunk mit und begann den Landeanflug. Natürlich hatten die Jungs und Mädels hinten mitbekommen, dass wir am Flugfeld buchstäblich vorbeigesegelt waren und ich bekam nun die richtigen Sprüche zu hören. Das war mir diesmal jedoch egal, den wie schon erwähnt, die Bahn ist sehr kurz und nicht unbedingt für eine C 208 geeignet. Durch die Randlage des Platzes war mein Schlussanflug recht steil. Nachteil, man verlor zu wenig Geschwindigkeit; Vorteil, die Sprüche klopfenden Fluggäste wurden merklich ruhiger. Kurz nach dem Aufsetzen, setzte ich alles als Bremse ein, was irgendwie möglich war. Zu meinem Erstaunen und zur Beruhigung der Fluggäste, kam die gute Dame recht zügig zum Stehen. Mit einem so kurzen Bremsweg hatte ich dann doch nicht gerechnet. Ja man muss eben mal was ausprobieren, um Neues zu erfahren. Jetzt lag nur noch die Aufgabe die Maschine zu drehen und zum Vorfeld zu bekommen vor mir. Zu meiner Erleichterung sah ich, dass die querende Straße, an der die Piste endete, auch gut geräumt war. So entschloss ich mich, einfach die Straße mit als Wendefläche zu benutzen. Danach taxelte ich über die Piste zurück und schob die „große" Dame einfach zwischen den Kleinen, durch zu ihrem Platz vor der Halle. Natürlich hatten wir mit dieser Landung für ein wenig Aufsehen auf diesem kleinen Feld gesorgt. Und so gab es ein kleines „Hallo" zur Begrüßung. Als ich den Motor ausmachte und die Türen öffnete, war auch schon der Hotelbus vorgefahren, um die Gäste abzuholen und ins Hotel zu bringen. Ich sollte hier auf dem Flugplatz übernachten. Schließlich musste ja auch noch, bis zum Weiterflug in 2 Tagen, der Koffer unter der Maschine angebracht werden.


      Nachdem ich die Maschine nachtfertig gemacht hatte, ging ich zum Platzwart, um mir den Schlüssel für die Kammer abzuholen und bei der Firma anzurufen. Zu meiner Überraschung hörte ich Mariannes Stimme am anderen Ende der Leitung. Da ich in den letzten Stunden die Gedanken an sie nach hinten geschoben hatte, bekam ich, außer einem nervösen Schlucken und einem heiseren „hier ist Joe bin in Ragaz" nichts heraus. Ich bekam jedoch keine direkte Antwort. Ich hörte nur ein leises Aufschluchzen und das der Hörer weitergereicht wurde. Meine Chefin selber war es dann, die meine Meldung ungewöhnlich knapp und einsilbig bestätigte, sowie mir kühl mitteilte, dass der Koffer bereits unterwegs sei.


      Nach diesem Telefonat hätte ich mich am liebsten volllaufen lassen, so war mir zumute. Marianne weinte! Weinte, weil ich sie verletzt hatte. Ich hatte die Frau, den Menschen der mir am meisten bedeutet verletzt. Mir ging es einfach nur noch dreckig und ich fühlte mich schlecht. Eigentlich hatte ich vorgehabt eine Kleinigkeit richtig zu Abend zu essen, zumal der Wirt hier ein klasse echtes Wienerschnitzel machte. Mir war nach diesem Anruf jeglicher Appetit vergangen. Ich machte mich stattdessen auf zu einem kleinen Spaziergang, der mich zur alten Burgruine führen sollte. Der kühle Wind und die doch winterliche Atmosphäre schenkten mir eine Weile der Ablenkung. Doch dieser Zustand währte nicht lange. Sobald ich an den Resten des alten Burgfrieds stand und über diese wunderschöne und romantische Winterlandschaft schaute, übermannten mich meine schmerzlichen Gefühle wieder. Diese Gefühle schienen mich innerlich zu zerreißen. Ich musste jetzt einfach mit jemandem drüber sprechen, jemandem dem ich vertrauen konnte, jemandem der mir aus dieser Lage half. Ich brauchte schlicht einen Rat und etwas Trost. Dafür gab es nur zwei Personen, zum einen meinen besten Freund „den Tempelhofer" zum Anderen meine kleine Schwester. Leider war der Tempelhofer gerade mit einem geheimnisvollen Auftrag in der Schweiz unterwegs, sodass ich ihn nicht erreichen konnte. Da ich mit meiner Schwester ein sehr gutes Verhältnis pflegte und sie als Schwester auch eine Frau war, entschied ich mich, bei ihr anzurufen. So stand ich nun dort, oben an der Burgruine, schaute über das Tal, mein Handy ans Ohr gedrückt und hoffte, dass sie abnehmen würde. Als es in der Leitung klick machte und ich die Stimme meiner Schwester vernahm, hatte ich die Hoffnung alles würde gut werden. Was jedoch dann kam, hatte ich nicht erwartet. Wenn meine Schwester sauer ist, dann ist sie richtig sauer und so bekam ich einen wütenden Wortschwall an den Kopf geworfen, was ich mir überhaupt erlauben würde, ob ich überhaupt wüsste, was ein Herz sei; wie ich es wagen könnte, überhaupt noch mit ihr zu reden und ob ich mich noch selber im Spiegel betrachten könnte. So etwas hätte sie nie von mir gedacht. Und bevor ich auch noch etwas sagen konnte, war die Verbindung unterbrochen. Ich war wie vom Blitz getroffen, sogar meine Schwester wusste bereits Bescheid.


      Ich weiß nicht mehr wie ich dann später, halb erfroren, wieder zum Platz und ins Bett gekommen war. Ich war wie paralysiert! Ich hatte ja schon einiges mitgemacht und erlebt, aber diesmal traf es mich tief. Es ging um die Frau, mit der ich mein Leben verbringen wollte. War ich zu weit gegangen? Was war eigentlich passiert? Ich erlebte das erste Mal in meinem Leben diesen Gefühlsmix, diesen Mix aus dem Gefühl etwas Wertvolles verloren zu haben und das alles nicht wirklich richtig ist. Das Gefühl neben sich zu stehen und nicht zu verstehen was gerade passierte, alles war nur noch unwirklich. War ich, Joe Kaufmann, wirklich dieser anscheinend gefühlskalte, böse Mensch?
    • Nur ein paar Worte - Von Zürich nach Aosta Teil 4

      Als ich am nächsten Tag erwachte, fühlte ich mich bleiern und verkrampft. Ich hatte nicht gut geschlafen und das sah man mir auch deutlich an. Nach einer warmen Dusche und einen lieb gemeinten, ich sah einfach zu erbärmlich aus, deftigem Frühstück im Lokal, machte ich mich auf den Weg die Maschine für den Koffer vorzubereiten. Ich war gerade eine halbe Stunde damit beschäftigt, als ein Kleintransporter in Richtung Feld gefahren kam. Ich konnte schon von meinem Platz aus sehen, dass er unseren Koffer bei sich hatte und soweit ich es aus dieser Entfernung auch schon sagen konnte, waren zwei Männer im Wagen. Ich konnte also davon ausgehen, dass der Koffer noch am Vormittag montiert sein würde. Bei der Ankunft stellte sich dann heraus, es waren tatsächlich zwei Männer. Der eine war mir wohl bekannt, war es doch unser Chefmechaniker. Dieser kam auch direkt auf mich zu, schüttelte dabei nur den Kopf und sagte: „Miin Jung, miin Jung. Das war nichts, das war wahrlich keine Glanzleistung von Dir." Ich wusste schon gar nicht mehr, wo ich hin sollte, am liebsten wäre es mir gewesen, mich in ein Erdloch zu verkriechen. Mehr sagt der Alte van de Buecken auch nicht mehr dazu. Er war kein Freund großer Worte, um so schwergewichtiger wogen seine eben gesprochenen Worte gegen mich. Es hatte auch kein Sinn mit ihm darüber zu reden und so fingen wir gleich an, den Koffer zu montieren. Es dauerte auch nicht wirklich lange und nach einer Stunde war alles fest. Bevor die beiden dann jedoch wieder abfuhren, kam der Alte noch einmal zu mir, schaute mir tief in die Augen und sagte: „Bring das schleunigst in Ordnung mit Marianne, sie liebt Dich mehr als Du Dir denken kannst." Ich hatte bis zu diesem Augenblick ganz vergessen, dass der Alte ihr Taufpate war und Marianne schon seit ihrer Geburt kannte. „ Achja die Chefin lässt dir ausrichten, da du Emma wohl nach dieser Aktion nicht brauchen wirst, hat sie sie an eine gute Kundin verliehen." Die Emma war unsere C 172, welche wir häufig für Firmenflüge benutzten, die ich mir für den Flug nach Mollis reservierte hatte. Mit dieser Nachricht hatte mir unsere Chefin sehr deutlich zu verstehen gegeben, wie sie jetzt zu mir stand. Ein Wunder, dass ich noch nicht die fristlose Kündigung erhalten hatte. Was ein paar unbedachte Worte alles auslösen konnten.

      So verbrachte ich den Rest des Tages in einem Gemisch aus Selbstmitleid, Selbstvorwürfen und Verzweiflung. Auch ein etwas längerer Spaziergang nach Ragaz brachte mich auf keine anderen Gedanken. Zu sehr belastete mich die Situation. Hinzu kam, dass ich plötzlich so viele Situationen und Momente während des Spaziergangs entdecke, welche ich gerne mit Marianne teilen würde. 2-mal versuchte ich Marianne anzurufen, um mich zu entschuldigen. Beim ersten Versuch wurde sofort aufgelegt und beim zweiten Versuch nahm erst keiner ab. In meiner Verzweiflung ließ ich mich sogar darauf ein, ihr von einem Blumenladen aus einen wunderschönen „Verzeihmirstrauss" zu zusenden. Am Abend spendete mir der Wirt noch einmal Trost, oder war es doch mehr seine Frau, in dem ich ein ausgesucht gutes Essen vorgesetzt bekam. Die folgende Nacht war wieder angefüllt von wilden Gedanken und Emotionen und so konnte ich auch diese nicht als erfrischend bezeichnen. Früh am nächsten Tag machte ich dann die Maschine für die nächste Etappe nach Locarno fertig. Die Gruppe sollte gegen 9:30 Uhr eintreffen, was sie auch pünktlichst tat. Da sich jetzt auch der letzte Teilnehmer eingefunden hatte, war ich froh, dass ich den Koffer als zusätzlichen Stauraum hatte, denn nicht nur die Gruppe war größer geworden.

      Nachdem alles Verladen und die Passagiere eingestiegen waren, startete ich die Maschine und machte noch den obligatorischen Firmenanruf. Aber auch diesmal keine freundliche Stimmung oder ein Wort über Marianne. Karin fertigte mich wie beim letzten Mal recht kühl und sachlich ab. Es blieb mir also nicht weiter übrig, als gute Miene zu diesem traurigen Spiel zumachen und unsere Gäste sicher und bequem an ihr nächstes Ziel zu fliegen. Über Verkehrsfunk stellte ich sicher, dass sich kein anderes Flugzeug im Moment in der Nähe des Flugplatzes befand und rollte zu unserer Startposition auf die Runway. Auch diesmal musste ich am Ende drehen, denn der Start sollte über die 12 erfolgen. Der Start ging problemlos vonstatten, keine Winde, die uns durchrüttelten oder dicke Wolken, welche die Sicht behinderten. Es herrschte strahlendes Flugwetter. Unser Weg führte uns nach dem Start durch das Rheintal über Chur Richtung Andermatt. Es ging entlang der Rhätischen Alpen über das Rheinwaldhorn Richtung Lago Maggiore, in das wunderschöne Tessin, wo am östlichen Ende des Sees der Flugplatz von Locarno liegt. Auch an diesem Tag hatte ich mich entschlossen, eher im Tiefflug bis Locarno durchzufliegen. Meine Gäste dankten es mir, was sich an so manchen Begeisterungsausrufen deutlich machte. Besonders die Damen der Gruppe waren von dem Panorama, welches, sich ihnen bot überwältig. Und wieder stach ein Stachel in mein Herz, denn ich musste, an den Flug mit Marianne denken, den ich mit so viel Gefühl geplant hatte und der nun nicht mehr stattfinden sollte. Nach knapp einer Stunde Flugzeit kam dann der Lago Maggiore und damit auch der Flugplatz von Locarno in Sicht.

      Es ist immer wieder ein bemerkenswerter Eindruck, wenn man aus dem engen Tal eindrehend in die weite Ebene zum See hinein fliegt. Leider war ein direkter Anflug landseitig an diesem Tag, aufgrund des auffrischenden Windes, nicht mehr möglich. So flog ich noch eine Platzrunde und schwenkte dann auf den Anflug vom See her ein. Die Landung verlief, trotz einiger Böen im Endanflug, doch recht sanft und unkompliziert. Nun hieß es nur noch einmal um den Stützpunkt der schweizerischen Luftwaffe, mit seinen Pilatusmaschinen, herum rollen, um auf der anderen Seite unser Flugzeug auf dem vorgesehenen Platz abzustellen. Auch diesmal wartete ein Hotelbus auf die Gruppe und ich blieb für die 2 Nächte auf dem Platz zur Übernachtung. Zum meinen Glück gab es hier durch die Kaserne ein warmes Zimmer und eine gute Kantine für mich. Nach dem ich das Flugzeug fertiggemacht hatte, ging ich dem Platzcontroller meine Aufwartung machen und mich anmelden. Ich bekam meinen Zimmerschlüssel und einen Passierschein. So ausgerüstet machte mich dann mit meiner Tasche auf den Weg, mein Zimmer in der Gästeunterkunft der Kaserne aufzusuchen. Dort angekommen stellte ich die Tasche aufs Bett und machte meinen üblichen Klarmeldungsanruf an die Firma. Wie schon vorgestern nahm auch an diesem Tag meine Chefin persönlich das Gespräch entgegen. Zu meiner Verwunderung konnte ich bei ihr diesmal keine Kühle und vor allem keine feindliche Stimmung im Tonfall ausmachen. In einem eher freundlich zu nennenden Tonfall fragte sie, ob bisher alles in Ordnung gewesen sei, und war überrascht, dass ich ja nun schon in Locarno war. Trotz dieses überraschend freundlichen Gesprächs, kein Wort über Marianne oder warum sie nicht an das Telefon ging. So endete das Gespräch, ohne das ich die Chance bekam, nachfragen zu können. In diesem Moment wünschte ich mir, ich könnte in München sein. In München, nahe bei Marianne, könnte einfach zu ihr fahren und alles klären. Aber da war noch etwas. Etwas das langsam aber immer intensiver in mir hochkroch. Die Angst, die Angst ich könnte Marianne durch meine Dummheit nun endgültig in die Arme von Jean getrieben haben. War meine Chefin deshalb so freundlich, weil Marianne mich aus ihrem Leben entfernt hatte ?


      Es war eine bedrückende und unruhige Nacht aus der ich am nächsten Morgen unsanft um 5 Uhr geweckt wurde. Ich hatte ganz vergessen, dass in einer Kaserne der Tagesablauf etwas anders und früher anfängt als bei uns „normalsterblichen". So saß ich also eine dreiviertel Stunde später in der Offiziersmesse und verspeiste ein gutes Frühstück, doch mehr recht als schlecht. Schon seit Tagen wollte sich kein Appetit mehr einstellen, sosehr war mir alles auf den Magen geschlagen. Da ich nun mal schon so früh aufgestanden worden war, beschloss ich den Tag für einen ausgiebigen Spaziergang um den See, nach San Nazzaro, auszunutzen. Ich kannte den kleinen Ort am Südufer des Lago Maggiore schon von früheren Besuchen und hoffte, wie schon in Ragaz, dort etwas den Kopf frei zu bekommen. Bei früheren Touren war ich dort gerne in einem kleinen familiären Gasthaus abgestiegen. Durch die herzliche Aufnahme der Gastfamilie hatte ich mich dort immer recht wohl gefühlt. Auch diesmal hoffte ich in dieser familiären Umgebung Abstand gewinnen zu können. Als ich am Abend wieder zur Kaserne kam war ich deprimierter als vorher. Nicht nur das mir die Frau des Hauses ordentlich den Kopf gewaschen hatte, nein es war mir dort wieder so bewusst geworden, was mir Marianne bedeutet und wie sehr ich unter dieser Situation litt. Und so begann wieder eine unruhige und von Selbstvorwürfen durchzogene Nacht.
    • Nur ein paar Worte - Von Zürich nach Aosta Teil 5

      Am nächsten Morgen verdrängte ich meine Sorgen und Gedanke, den es hieß früh Aufstehen und das Flugzeug fertig machen. Die Gruppe wollte spätestens gegen 9 Uhr in Aosta sein, was bedeutet, dass wir noch im Dunkel starten mussten. Als der Hotelbus die Gruppe vor der Maschine absetzte, war es noch dunkel. Da ich bereits alle Zollformalitäten erledigt hatte und das Gepäck, sowie die müde Truppe schnell verstaut waren, rollte ich noch vor Sonnenaufgang zum Start. Gewünscht hätte ich mir einen wunderschönen Start über den See in den aufgehenden Morgen mit all seinen farblichen Schattierungen. Aber leider erhält man nicht sehr oft, das was man sich wünscht. Wie ich in den letzten Tagen schmerzhaft lernen musste.Stattdessen hatte es angefangen zuschneien und der Wind frischte in Böen heftig auf. Es würde also kein leichter Start werden, zumal die Wolkenuntergrenze hier im Tal recht tief lag. Ich sah schon wie ich mich im Blindflug durch die Wolken arbeitete. Zu allem Übel musste ich dann auch noch von der Grasspiste in Richtung See starten, da die Asphaltpiste gerade vom Militär benutzt wurde. Der Start war dann auch recht turbulent und holprig. Die Maschine wurde derart hin und her gerüttelt das auch der Letzte meiner Fluggäste wach wurde. Erst nachdem wird das Gebiet des Sees hinter uns gelassen und auf eine Höhe von 7.000 Fuß gestiegen waren, wurde es ruhiger. Aufgrund der Turbulenzen und der heftigen Winde an diesem Morgen, nahm ich eine Route die durch einen Teil Norditaliens bis in die Nähe des Luftraums von Milano führte. Von da an ging es dann über Biella direkt in das Aostatal. Leider lag die Sichtweite am Anfang des Fluges stellenweise bei quasi Null. Viel zusehen gab es also nicht.


      Und doch, trotz des turbulenten Starts wurde es dann noch ein schöner Flug. So schoben sich nach einer halben Stunde etwa die ersten Sonnestrahlen vorsichtig durch die Wolken und tauchten das Flugzeug und die Umgebung in ein wundervolles rötlich, violettes Licht. Und mit ansteigender Sonne stieg dann auch die Stimmung im Flugzeug wieder an. Das mag auch daran gelegen haben, dass es, umso weiter wir Richtung unseres Endziels Aosta kamen, immer mehr aufklarte. Der weiterhin bestehende böige Wind blies die Wolken vor sich her und aus unser Flugroute. So sank ich dann auf dem letzten Teilstück auf 6.000 Fuß und meine Fluggäste hatten einen wunderschöne Blick auf die italienischen Alpen. Nach gute einer Stunde Flugzeit begann ich den Sinkflug und tauchte in das Aostatal ein. Es war ein recht kurviger Anflug, aber schnell war auch der Flugplatz ausgemacht und da der Wind aus Nordwest kam, konnte ich ohne Platzrunde direkt in den Landeanflug über gehen. Obwohl die Landung aus Sicht meiner Fluggäste sanft gewesen war, war ich mit ihr nicht zufrieden. Der Wind hatte mich am Ende noch etwas zu hoch gedrückt, gottseidank war die Piste lang genug ,so dass ich auch später hatte aufsetzen können.


      Nach dem alle Zollformalitäten erledigt, die Gäste verabschiedet und das Gepäck entladen worden war, galt mein Auftrag als beendet. Ja offiziell war der Auftrag nun beendet, aber was kam jetzt? Wurde ich weiter in die Wüste geschickt? Einfach auf die nächste Tour, damit ich Marianne aus dem Weg war? Oder war das meine letzte Tour für die Firma gewesen? Galt es nur noch den Flieger nach München zu bringen und dann war's dass? Und zwischen all diesen Fragen und Sorgen immer wieder die Gedanke an Marianne, meine Gewissensbisse und meine Ängste, alles aber auch wirklich alles kam jetzt hoch. Es fiel mir schwer jetzt den nötigen Anruf bei der Firma zu machen. Ich lehnte mich also erstmal an die Maschine und schaute in Richtung Matterhorn. Dieser majestätische Berg mit seiner so charakteristischen Form wirkte irgendwie beruhigend auf mich. Er stand da so felsenfest und unverrückbar. Die Wolken zogen eiligst um ihn herum ohne das er nur wankte. Wie sah meine Zukunft aus? Ohne Marianne ?


      Ich vergaß die Zeit um mich herum, ich spürte kaum den kalten beständigen Wind, der an meiner Jacke und den Hosenbeinen zerrte. Ich spürte nicht die Kälte, welche sich auf mein Gesicht legte. Ich starrte wie hypnotisiert auf diesen Berg der doch so weit weg und gleichzeitig so nah zu seinen schien. Wie lange ich so am Flugzeug stand, ich weiß es nicht mehr. Aus dieser Erstarrung rette mich dann das Handy, welches plötzlich anfing zu klingen. Ich brauchte zwar ein paar Sekunden um zu begreifen wo ich war, nahm aber automatisch das Gespräch an. Es war meine Chefin, welche sich nun doch Sorgen gemacht hatte, weil ich mich noch nicht gemeldet hatte.


      Ich saß in meinem Quartier am Flugplatz Aosta und versuchte mir einen Reim auf alles zu machen. Die letzten Tagen waren ein Wechselbad der Gefühle gewesen. Zu guter Letzt rief vor gut 3 Stunden meine Chefin an. Sie wollte sich nicht nur nach dem Flug erkundigen, sondern teilte mir mit, dass ich am nächsten Tag mit einem Bekannten als Begleiter nach Sion fliegen würde. Die Maschine würde Stefan in den nächsten Tage zurück nach München bringen. War das jetzt bereits die von mir befürchtete Kündigung? Ich durfte nicht einmal mehr selber die Firmenmaschine zurück fliegen. Im Grunde war ich verzweifelt, Marianne weg, Job weg und alles wegen ein paar unbedachten Worten. Auf der einen Seite konnte ich nicht verstehen, warum diese paar Worte eine derartige Veränderung in meinem Leben verursacht hatten, auf der anderen Seite war es mir schon klar, worum es ging. In diesem Moment schwor ich mir, nie wieder die Eifersucht in mir hochkommen zu lassen, einfach zu vertrauen, dem Partner zu vertrauen und nie, nie wieder sich gehen zu lassen.


      Am nächsten Morgen fühlte ich mich einfach nur elend, die Nacht war grauenvoll gewesen, ich hatte kaum ein Auge zugemacht. In dieser Verfassung hätte ich auch wirklich nicht selber fliegen können. Das Frühstück in einem nahen Cafe aß ich mehr aus Gewohnheit, aals das ich mitbekam, was mir aufgetischt worden war. Mein Magen war wie zugeschnürt und ich war so in meine Gedanken vertieft, dass ich nicht einmal mitbekam, dass mich ein älterer Herr von einem Nachbartisch aus beobachtet. Nach dem ich etwas später meine Tasche gepackt hatte , schleppte ich mich in genau dieser Verfassung auf das Vorfeld um den Bekannten der Chefin zu treffen. Ja nach Sion sollte er mich bringen, oder wie es die Chefin ausdrückte, den ich nach Sion begleiten sollte. War sie überhaupt noch meine Chefin oder nur noch Frau Brandmeier? So oder so, in Sion würde ich dann wohl mit einem Regionalen zurück nach Deutschland kommen müssen, um mir in München meine Papiere abholen zu können.


      Das Flugzeug war nicht schwer zu finden. Es war eine kleine Auster J1 in einer ziemlich auffälligen Lackierung mit roten und weißen Streifen. Ich stellte meine Tasche neben das Flugzeug und schaute mich nach dem Piloten, dem Bekannten, um. Aber es war niemand in der Nähe zu sehen, dem ich zutraute, diese Maschine fliegen zu wollen. So stand ich eine Weile, in meine Gedanken gehüllt, neben dem Flugzeug und beobachtete wieder die Berge. Besonders einer schien es mir angetan zu haben, das Matterhorn. Ich war derart in meine Gedanken und dem Blick auf die Berge versunken gewesen, dass ich gar nicht mitbekommen hatte, dass ich in der Zwischenzeit nicht mehr alleine war. Mehr aus dem Augenwinkel heraus nahm ich eine Gestalt war, die sich neben mich gestellt hatte und auch in Richtung Matterhorn schaute. Noch bevor ich etwas sagen konnte, fing diese Person an zu reden. Mehr mit sich selber, als mit mir, aber er sprach aus, was auch ich gerade empfunden hatte. „ Er ist schon Majestätisch, wie er da über uns thront, er erscheint so unverrückbar, egal was um ihn herum geschieht. Man wünschte sich, genauso standfest und über allem stehen zu können. Wenn man dort oben ist, erscheinen alle Probleme so winzig und nichtig. Es ist, als ob man alles lösen könnte." So standen wir beide eine ganze Weile nebeneinander und schauten in Richtung dieses Berges. „Dieser besondere Berg ist schon ein erhebender Anblick, auch von hier aus", sagte der alte Herr plötzlich und fügte hinzu, „Kommen Sie, schauen wir ihn uns von Nahem an." Jetzt erst begriff ich, wer da die ganze Zeit neben mir gestanden hatte. Es war der „Bekannte" , den ich nach Sion begleiten sollte.
    • Nur ein paar Worte - Von Zürich nach Aosta Teil 6

      Als ich mich zum Flugzeug umdrehte, stellte ich fest, dass nicht nur meine Tasche bereits verstaut, sondern auch das Flugzeug bereits startklar gemacht worden war. Ich hatte wohl doch eine ganze Weile dargestanden und auf die Berge geschaut. Meine leichte Verblüffung wurde von dem alten Herren mit einem Schmunzeln aufgenommen. Er war einer von den Menschen, denen man nichts böses zutrauen konnte. Er stand direkt vor mir und das Erste was mir an diesem Mann auffiel, waren seine freundlich blitzenden, dunklen Augen. Sein Haar, soweit man es unter seiner Schiebermütze erkennen konnte, war schüttern und grau. Genauso grau wie sein Bart, der die Hälfte des Gesichtes beherrschte. In seinem lächelnden Mund steckte eine Pfeife und seine Wangen waren leicht gerötet. „ Na" sagte er, „wollen wir los?" Ich nickte nur und setzte mich ins Flugzeug. Kurze Zeit später stieg auch er ein und startete die Maschine.

      Es war wenig los an diesem Morgen und so bekamen wir sofort eine Startfreigabe. Das Wetter war ausgesprochen freundlich, wenn auch wie gewohnt sehr windig. Es dauerte auch nicht lange und wir schwebten mit der kleinen Auster in der Luft. Nachdem der Start beendet war, zeigte der alte Herr nach vorne und sagte „Dort hinten liegt der Monte Bianco oder wie man auch sagt der Mont Blanc, aber der interessiert uns beide heute nicht." Sprachs und zeigte nun auf das Matterhorn, welches sich rechts neben uns befand. „Dort fliegen wir jetzt hin." Da wir aber erst noch an Höhe gewinnen mussten, drehte er auf die gegenüberliegende Talseite, um den Platz zum Steigen auszunutzen. Erst dann machten wir uns auf in Richtung Matterhorn. Unser Weg würde uns an ihm vorbei, durch ein Hochtal nach Sion führen. Während der Startphase und der Kursanlegung, hatten wir nicht miteinander gesprochen. Nun wo unser Kurs anlag, drehte er sich zu mir, schaute mich aus seinen dunklen, freundlichen Augen an. „Wovor hast du Angst?" Mehr fragte er nicht. Ich hatte auch nicht das Gefühl, dass er sofort eine Antwort erwartete. Ich blicke zur Seite aus dem Fenster, auf die Hänge und verschneiten Wiesen unter uns. Richtig! Wovor hatte ich Angst? Ich dachte gar nicht darüber nach, warum mich der alte Herr das fragte. Es war irgendwie logisch, dass er mir diese Frage stellen musste. Wir stiegen weiter, immer weiter in Richtung Matterhorn. Die Berghänge wurden immer steiniger und der Wind immer böiger. Aber wovor hatte ich Angst? Mein erster Gedanke war, ich weiss es nicht, zum Kuckuck ich weiss es nicht. Irgendwie musste der Alte spüren, was diese Frage in mir ausgelöst hatte. Er schaut kurz zu mir rüber und dann fing er an zu erzählen. Er erzählte mir von einem Riesen, der alles Glück der Welt gehabt habe, aber mehr wollte und sich daher aufmachte, ein Tal, in welchem Milch und Honig flossen, zu verlassen. Bei seinem Aufbruch zerstörte er jedoch den Schutz dieses Tales vor den Widrigkeiten der Natur. Seit diesem Tag war dieses Tal dem eisigen Wind, Schnee und Eis ausgesetzt. Erst später verstand ich, dass er mir die Sage des Riesen vom Matterhorn erzählte. Zu diesem Zeitpunkt war ich mit meinen Gedanken ganz woanders.

      Ich war regelrecht versunken, bis zu dem Augenblick, an dem der alte Herr etwas sagte, was mich aufhorchen ließ. Er erzählte davon, wie schlimm es einem ergehen kann, wenn man sich seiner Gefühle im unklaren war und nicht sehen könnte bzw. gar nicht schätzen würde, was man hat. Wie schlimm es einem erginge, wenn man sich daher selber misstraute. Ihm sei es damals genauso ergangen. Er wäre in jungen Jahren ein Heizsporn gewesen und hätte alles und jedes angezweifelt. Er war sich über sich selber nicht im Klaren gewesen und hatte gedacht, alles würde gegen ihn sein. Egal wie sehr er sich auch bemühte, egal wie viel Kraft er einsetzte, um im Leben voranzukommen. So sah er auch nicht die Liebe einer Frau bzw. bezweifelte, das sie ihn meinen könnten. An dieser Stelle wollte ich mich zuerst wieder meinen Gedanken und Sorgen widmen, denn an der Lebensgeschichte des alten Herren war ich nicht wirklich interessiert, dazu kam ich dann aber nicht mehr. Den jetzt erzählte der alte Herr, dass ihn diese Frau mit Hilfe ihrer Familie dazu gebracht hatte, darüber nachzudenken, wie viel er wert war und was er im Leben wollte. Daneben ließ sie ihn immer wieder wissen, wie sehr sie ihn liebte. Es war, wie er sich ausdrückte, für ihn ein Gang nach Kanossa gewesen. Er hätte seine Lehre verstanden und wäre heute nicht nur glücklich mit dieser Frau verheiratet, sondern hätte auch eine wundervolle Tochter, auf die er besonders stolz sei. Leider hätte sich diese, seine Tochter, in genauso einen „Vollidioten" über beide Ohren verlieben, wie er damals einer war.

      Mittlerweile hatten wir den Grat neben dem Matterhorn erreicht und man spürte wie der Wind die kleine und schwache Maschine beiseite drückte und an ihr rüttelte. Der alte Herr hatte zwar alle Hände voll zutun die Maschine beim Überqueren des Grats auf Kurs zu halten, blieb dabei jedoch völlig ruhig. Der Blick rüber zum Berg, lies die Worte des Mannes noch einmal eindrucksvoller erscheinen. Unberührt von den starken Winden um ihn, stand er fest verwurzelt und über allem erhaben. Langsam aber stetig arbeitete sich die kleine Maschine gegen den Wind vorwärts, bis wir den Grat hinter uns gelassen hatten und auf schweizerischer Seite in das dahinter liegende Höhental einflogen. Kaum waren wir wieder in ruhigen Gefilden, schaute mich der alte Herr mit schelmisch blitzenden Augen an und sagte:" Mal von Vollidiot zu Vollidiot, ich heiße George". Ich war sprachlos und bekam im ersten Augenblick kein Wort heraus. Mein Blick hing an diesem gütigen Gesicht und ich versuchte mir der Bedeutung dieser Worte klar zu werden. Zaghaft fand ich meine Sprache wieder, „Mein Gott! Sie ...sie...sie sind Mariannes Vater?" . „Ja" sagte er kurz" aber du darfst mich ruhig George nennen." Wie vom Blitz getroffen saß ich auf meinem Sitz, unfähig in diesem Moment etwas zusammenhängendes zu denken. Aber das brauchte ich auch nicht, den nun sprach George. „Marianne war, wegen deines Verhaltens ihr gegenüber, sehr verzweifelt. Sie muss dich von ganzem Herzen lieben, sonst wäre sie längst weg gewesen. Soweit kenne ich meine Tochter. Nach ihren Erzählungen hast du einfach nicht ihren Gefühlen dir gegenüber vertraut bzw. Du traust dir nicht zu was du selbst fühlst." So ganz unrecht hatte George nicht und so langsam war mir bewusst, wie die Antwort auf Georges Frage lauten musste, wenn ich ehrlich zu mir war. Ich hatte Angst verletzt zu werden und ich hatte Angst nicht geliebt zu werden. Ich hatte Angst vor dem was immer kommen mochte. Daher unterband ich diese Gefühle in mir und biss jeden gleich zu Anfang von mir. Mein Gott, was hatte ich Marianne in den letzten 2 Jahren angetan. George schwieg, ich denke er wusste, was gerade in mir vorging. Viel Zeit zum reden war nun auch nicht mehr, denn wir flogen aus dem Hochtal raus und damit genau in den Anflug von Sion. Ein grandioser Anblick, rechts und links die Hänge und dann dieser Schlauch von Tal, in dem sich alle Wege verbanden und mittendrin der Flugplatz. Noch ein kleiner Hüpfer über einen Ausläufer und dann waren wir auf dem Endanflug. In meinem Kopf drehte sich alles. Ich hatte Marianne nicht verloren?
    • Nur ein paar Worte - Von Zürich nach Aosta Teil 7

      Nach einer sanften Landung, rollte George das Flugzeug zum nördlichen Parkbereich und hielt genau neben einer alten C 172 mit Schweizer Kennung. Als die Maschine zum stehen gekommen war, schaute mich George noch einmal durchdringend an und legte seine Hand auf meine Schulter. Energisch sagte er: „Wenn Dir Marianne nur annähernd das bedeutet, was ich annehme, dann lerne aus dem, was Du in den letzten Tagen durchgemacht hast. Vertraue den Menschen die zu Dir stehen und die Dir etwas bedeuten. Ohne dieses Vertrauen und ihre Zuneigung wirst Du immer scheitern, wirst Du immer das Gefühl haben, ausgeschlossen zu sein, etwas verloren bzw. wichtiges nicht getan zu haben." Dabei nahmen sein Gesicht ernste ,aber sanften, Züge an. „Sie ist meine einzige Tochter und ich werde niemals zulassen, das ihr jemand weh tut. Sie liebt Dich, Du bist ein anständiger Mensch, bringe das in Ordnung und sieh in die Zukunft". Diesen letzten Satz hatte ich doch schon einmal in ähnlicher Form gehört und ich nahm ihn in mir auf, aber auch die anderen Worte verfehlten nicht ihre Wirkung. Ich verstand nun, was ich in den letzten Tagen durchgemacht hatte und warum ich immer diese Angst in mir fühlte. In den letzten Tage war ich gezwungen worden, genau diese Ängste zu durchleben. Ich nickte „Ja , ich verstehe". Ich öffnete die Tür und verlies das Flugzeug. Als ich meine Tasche aus dem Verschlag nehmen wollte, spürte ich, wie eine Hand meine Wange streichelte. Ich dachte sofort an Marianne und fuhr herum. Dort stand jedoch zu meiner Überraschung Niam und strahlte mich an. „Arme Joe, Du hast ganz schön viel mitgemacht" sagte sie und lächelte mich an. Niam war die Frau meines besten Freundes, dem Tempelhofer, und erwartete, wie man unschwer erkenne konnte, ihr erstes Kind. Sie stand vor mir und streichelte mir über meine Wange. „ Die letzten Tage waren bestimmt nicht einfach für dich. Charlotte hatte uns angerufen und alles erzählt. Da wir hier eh in der Nähe waren, hatten wir die Idee, dass Du mit uns noch die restliche Tour machst und dann auch mit uns zurück nach Deutschland fliegst." Aha daher wehte der Wind und meine kleine Schwester hatte meinen besten Freund eingeschaltet um mir zu helfen. Ich war in diesem Augenblick etwas gerührt und erfreut.

      Zum einen war ich erfreut Niam hier zu sehen, zum anderen aber auch enttäuscht, da es nicht Marianne war, die hier vor mir stand. Kurz darauf tauchte auch mein Freund auf. Er schlug mir freundschaftlich auf die Schulter und nickte mir verstehend zu. „Na komm, wir haben drüben ein paar Quartiere für uns besorgt." Damit nahmen mich die beiden in die Mitte und wir gingen zum Parkplatz. George folgte uns auffällig ruhig aber auch gelassen. George war die ganze Fahrt über ruhig gewesen, es waren nur mein Freund und seine Frau, die mit mir sprachen. Obwohl, ein Gespräch konnte man es nicht wirklich nennen, eher ein Monolog. Mir war immer noch nicht wirklich nach reden zumute und so sprachen mehr die beiden. Es war nicht zu übersehen, wie sie versuchten mich aufzumuntern. Für sie war das auch einfach. Sie trugen nicht diese Ängste mit sich herum und vor allem sie waren nicht alleine, sie hatten einander gefunden. Sie liebten sich und wenn man den beiden zusah, kam man nicht umhin zu bemerken, wie harmonisch, glücklich und ausgeglichen die beiden mit einander umgingen. JA, das waren sie, glücklich und ausgeglichen. Glücklich und Ausgeglichen weil sie sich vertrauten. Ich hatte noch nie ein Wort des Zweifelns von ihnen gehört, wenn es um den jeweiligen Partner ging. Sie vertrauten sich in einer Art und Weise, die ich nie gekannt hatte. Mochte ich die beiden deshalb so sehr, weil sie mir vorlebten, was ich mir für mein Leben wünschte. Über meine Überlegungen hinweg hatte ich nicht mehr darauf geachtet, wo wir hinfuhren. So bemerkte ich erst, als alle Anderen ausstiegen, dass der Wagen vor einem mittelgroßen Chalet gehalten hatte. Es war schon am dunkeln und die Außenbeleuchtung war eingeschaltet worden. Sie war nicht besonders hell und so erkannte ich nicht was für Personen uns da im Eingang erwarteten. Während die Anderen bereits an der Tür waren und sich begrüßten, schaute ich ihnen, noch am Wagen stehend, wie von der Ferne zu. George rief meinen Namen und fragte, ob ich lieber im Auto übernachten wollte. Das löste mich aus meiner Erstarrung und ich ging zu den Anderen ins Haus. Drinnen im Eingangsbereich empfingen mich nicht nur Mariannes Mutter sondern auch zu meiner Überraschung meine Schwester Charlotte, meine Chefin, Jean und der alte van de Buecken. Nur Marianne war nirgends zu sehen. George war es dann wieder, der das Wort ergriff, nach dem sich alle begrüßt hatten. „Joe" sagte er, „ich hoffe Du verstehst, warum Marianne nicht hier bei uns ist, in diesem Moment." Wir gingen in ein große Kaminzimmer und er schaute mich erwartungsvoll an. Der Rest der Gruppe folgte und ich schaute sie alle der Reihe nach an. Plötzlich fiel es mir auf, sie alle mochten mich und sie vertrauten mir. Sie vertrauten mir, weil sich mich kannten und die vertrauten mir, dass ich das Richtige tun würde. „ Ja" kam meine Antwort „ich verstehe es." „So wirklich?" fragte der alte van de Buecken nach. Ich schaute ihn an und dann wieder die Anderen. „ Ich habe verstanden, das alles, was ihr in den letzten Tagen, mir habt zu Teil werden lassen, dass war, wovor ich immer Angst hatte. Ihr habt mir gezeigt, dass ich das alles selber herbeiführe, weil ich mich dementsprechend verhalte. Und ich habe vor allem eines gelernt, selbst wenn Marianne jetzt nicht hier ist, weil ich ihr zu sehr wehgetan habe, so vertraue ich ihrer Liebe zu mir und ich werde um sie kämpfen, denn ich weiß genau, was sie mir bedeutet. Ich weiß das ich sie niemals verlieren möchte, dass sie das Wichtigste in meinem Leben ist.". In diesem Moment flog die Tür auf und Marianne kam mir entgegen gerannt. Ihr langes Haar und ihr Kleid wehten nach hinten, so eilig hatte sie es, zu mir zu kommen. Mein Herz schlug schneller, ich breitete die Arme aus und fing sie auf. „Endlich hast du es verstanden, Du Dickschädel" sagte sie zu mir, bevor sich unsere Lippen aneinander schmiegten.

      Ende