Fluggeschichten des Tempelhofers

  • Da sich durch die Veränderungen auf der Kurierseite auch die Internenlinks verändern, möchte ich meine Geschichten hier ins Forum holen. Bisher waren diese Geschichten verborgen im alten Magazinteil der Kurierseite hinterlegt. Auf Bilder müsst ihr allerdings dabei erstmal verzichten, da ich primär erstmal die Texte sichern möchte. Leider sind 2 Geschichten wohl schon verloren gegangen.


    Auch wenn sie schon bekannt sind, viel Spaß beim lesen 8o .

  • Zwischen EINN und EICK (Teil 1)

    Ein unvergessener irischer Tag


    Es hatte angefangen leicht zu regnen und die Wolken wurden immer dichter. Ich stand neben meiner Maschine, mitten auf dem Flugplatz von Bielefeld. Gestrandet durch einen kleinen Auftrag. Dahin der Traum von einem verlängerten Wochenende mit Sommerbräune, Strandleben und dem beruhigen Geplätscher am Strand. Stattdessen Nasskühle in der Pampa mit städtischer Geräuschkulisse. Schlimm genug, dass ich dieses Wochenende ohne meine Frau auskommen musste, aber nun auch noch das hier. Wer schon einmal am Flugplatz von Bielefeld war, weiß es ist kein einladender Ort. Um einen herum nur Wald und Siedlungshäuser. Auch die nahe Stadt ist nicht wirklich ein Platz zudem es mich hinzieht. Bielefeld ist eben eine Stadt, wie Hunderte andere auch, welche nach dem Krieg vollkommen neu aufgebaut werden musste. Hübsch kann man das Ergebnis nun eben nicht nennen. Aber alles Lamentieren half nichts, ich musste hier nun ausharren, bis ich die Maschine zurückbringen ,oder mit einen neuen Auftrag weiterfliegen, konnte.
    „Also, was soll's, mach das Beste draus" sagte ich mir, „in dieser Stadt ist zumindest immer irgendwo etwas los". So ignorierte ich einfach das Wetter und machte mich auf den Weg in die Stadt. Mein Ziel war es, einen Pub zu finden. Ein schönes irisches Dunkel, das wollte ich jetzt genießen. Dazu nette Folkmusik, in der Art wie ich sie liebe, locker fröhlich, ungezwungen. Ich wusste noch von einem früheren Abstecher, dass es in der Nähe vom Klosterplatz eines geben musste. Ich schien zum rechten Augenblick eingetroffen zu sein, eine kleine Gruppe hatten gerade ihre Fideln und Flöten ausgepackt und angefangen eine lustige irische Weisheit zum Besten zu geben. Ich ging gleich durch bis zum Tresen und bestellte mir aus Tradition drei Guinness. Dann setzte mich in eine Ecke des Lokals und lauschte dem Treiben und der Musik. Es dauert auch nicht lange, bis sich die Plätze um mich herum füllten. Ich bekam davon jedoch nicht viel mit, so sehr ließ ich mich von der Musik und meinen Gedanken gefangen nehmen. Das änderte sich jedoch schlagartig, als ich einen heftigen, fast schmerzlichen Stoß in meine Rippen spürrte. Verärgert über diese Störung drehte ich mich um, bereit dem Störer deutlich meine Meinung zu sagen, und war wie vom Donner gerührt. Vor mir stand mein alter Fliegerkumpel Angus McCadritch aus Shannon. In seinen Händen hielt er, wie sollte es anders sein, 3 Guinness (von wem hatte ich wohl diese Tradition) und grinste mich wie gewohnt an. Mein ganzer Groll war wie weggeblasen. Und wie er so vor mir stand und grinste, musste ich einfach an die Geschichte denken, wie wir uns kennengelernt hatten. Eine typische irische Geschichte, zwischen EINN und EICK.


    Fáilte go dtí ar eachtra nua.


    Es war ein schöner, ruhiger Vormittag vor einigen Jahren. Ich machte gerade bei einem kleinen Airkurierdienst in Shannon / Éire meine ersten Erfahrungen als Berufspilot. An diesem Tag sollte nur ein kleiner Blitzkurierdienst zwischen Shannon und Cork erledigt werden. Als „Lehrling" war ich Angus McCadritch als Zweiter zugeteilt worden. Er war nur etwas älter als ich, hatte jedoch schon einiges mehr an Flugstunden auf dem Buckel. Äußerlich war er ein irischer Kerl, wie er im Buche steht. Sein lockiges Haar hing ihm frech über die Stirn und seine markanten dunklen Augen strahlten vor Lebensfreude. Er war hier aufgewachsen und kannte jeden Baum und Strauch. Mir war gesagt worden, ich sollte ihm blind vertrauen, denn wenn einer Bescheid wüsste, dann Angus. Es schien also ein schöner und vor allem ruhiger Tag zu werden.


    Unsere Maschine war an einem der äußersten Stellplätze abgestellt. Da McCadritch noch nicht da war, machte ich erst einmal eine Außenrunde und bereitete die Maschine für den Flug vor. Ich hoffte das McCadrith bald kommen würde und wir losfliegen könnten. Ich hatte heute nur einen Wunsch, den Auftrag schnell hinter mich zu bringen, denn um nichts in der Welt wollte ich mein Date mit Niamh heute Abend verpassen.Sie war eine bildschöne rothaarige 19 jährige Studentin aus Dublin, die den Sommer bei Verwandten in Shannon verbrachte. Wir hatten uns vor einigen Tagen im Pub kennengelernt und waren ein paar Mal ausgegangen. Mich hatte es bereits am ersten Tag schwer erwischt und heute wollte ich ihr endlich sagen, wie sehr ich mich verliebt hatte. Es sollte also unser erstes richtiges Date stattfinden.


    Bald darauf war ich mit den Vorbereitungen fertig, wer jedoch noch nicht da war, war Angus McCadritch. Da man es in Éire eh nicht so genau mit der Zeit nimmt, wie in Deutschland, war ich über diesen Umstand zwar enttäuscht aber nicht beunruhigt. Rumstehen wollte ich jedoch auch nicht und so stieg ich wieder ein, setzte mich, natürlich auf die linke Seite, etwas Strafe musste doch sein, und überprüfte alles ein zweites Mal. Jedoch stand ich dann trotzdem über 1 Stunde doof rum und fühlte mich immer mehr wie "bestellt und nicht abgeholt". Schlussendlich kam Angus McCadritch dann doch noch. Es ging schon auf Mittag zu und ich wurde nun doch sehr ungeduldig. Ihr wisst noch das Date. Er lachte mich herzlich an und sagte: "Céad míle fáilte. Ich hoffe Du hast nicht zu lange gewartet". Mir fiel in diesem Moment vieles als Erwiderung ein. Aufgrund seines entwaffnenden Lächelns kam bei mir aber letztendlich auch nur ein Lächeln als Erwiderung raus. Wir sind ja in Irland, da ticken die Uhren eben anders.


    Teil 1

  • Teil 2

    Da ich nicht viel sagte, schaute er sich nur um, kontrollierte, ob ich alles richtig vorbereitet hatte, und zog dann den Wetterbericht aus der Tasche. Es war leichte Bewölkung, kaum Luftbewegungen zu erwarten und ab und zu mal ein Regenschauer angesagt. Also typisch irisch. Wir melden uns an und bekamen leider die 24er zugewiesen. A long way to trappel to foot.
    Das einzig Gute daran war, dass man auf dem Weg zur 24ziger etwaige Checklisten komplett durchgehen konnte. Am Ende konnten wir direkt auf die Bahn eindrehen, ohne Wartezeit. Flaps 30, Motor genügend Saft geben, den Propeller einstellen und ohne Stand direkt "Take-off". Es war dann ein ruhiger Flug nach Cork. Angus scherzte die ganze Zeit und ließ mir dadurch keinen Raum unwirsch oder gar sauer zu werden. Da er herausbekommen hatte, dass ich für heute Abend ein Date geplant hatte, gab es für ihn nur ein Thema. Wer, wie, was und wo. Vor allem das „Wer" schien ihn zu interessieren.


    Wir kamen gut voran und schon bald waren wir in der Reichweite von Cork. Der Tower wies uns die 17 zu, also ein direkter Anflug ohne Platzrunde. Die Landung auf der 17 ging glatt vonstatten, ich segelte bilderbuchmäßig auf die Bahn. Als ich jedoch schon dabei war die Runway in Richtung Appron zurück zu taxeln, ergriff Angus das Micro und meldet uns für den Parkplatz an der 35 an. Ich muss ziemlich verblüfft ausgesehen haben, so heftig wie Angus lachen musste. Aber er war der Chef und so bog ich auf den Parkplatz an der 35 ab und stellte die Maschine aus. "Geh ein wenig Luftschnappen", sagte er. Ehe ich etwas erwidern konnte, war er draußen und hinter der nächsten Hütte verschwunden.
    Es dauert fast 2 Stunden bis Angus zurück kam und wir endlich zum Gate konnten. Ich fragte ihn gar nicht erst wo er gewesen und vor allem was in der Kiste war, die er mitgebracht hatte. Am Gate angelangt mussten wir natürlich erst mal schauen, wo der Kunde mit der "Blitzlieferung" steckte. Immerhin hatten wir mittlerweile 4 Stunden Verspätung. Für mich als Deutscher eine mittelschwere Katastrophe, Angus sah das aber alles locker. Der Kunde, den wir dann bei einem Guinness im Dutyfree fanden, übrigens auch. Bis wir dann alles eingeladen und unterzeichnet hatten, war jedoch wieder mindestens eine Stunde vergangen. So langsam wurde es Abend und mir kamen die ersten Zweifel, ob ich mein Date noch schaffen würde. Und als dann endlich alles fertig war, wer glaubt ihr fehlte? Richtig, Angus. Es schien mir damals leichter einen Sack mit Flöhen zu hüten, als mit ihm als Partner zu fliegen. Aber diesmal war er recht schnell wieder da und so konnten wir dann endlich los. Mit sage und schreibe insgesamt 6 Stunden Verspätung.


    Zu meinem Glück hatte der Wind gedreht und wir bekamen die 35 für den Start, die uns ohne Schnörkel direkt in Richtung Shannon bringen würde. Also über die Runway, am Ende gedreht und wie gehabt Flaps, Saft, los.Es dämmerte jetzt schon und ich rechnete bereits damit, eine Nachtlandung hinlegen zu müssen. Zu meiner Verwunderung hatte Angus übrigens nicht ein einziges Mal bis jetzt darauf bestanden, die Plätze zu tauschen bzw. den Knüppel in die Hand nehmen zu wollen. Er macht es sich in seinen Sitz so bequem, wie es ging, und erzählte seine Witze und Storys. Ich hatte das Gefühl er wollte mir im Alleingang die Geheimnisse Irlands erklären. So wurde es ein entspannter Rückflug, bzw. wäre es geworden. Ja, wenn mir nicht die entspannte Stimmung im Flugzeug und die wunderschöne Abendsonne, mit ihren warmen Strahlen, die Zunge gelockert hätten. Während Angus noch über Èire und seine Seele redete, fing ich an, ihm von Niamh zu erzählen. Ich erzählte ihm, was ich für heute Abend geplant hatte und wie wichtig mir Niamh mittlerweile geworden war. Ich schütte ihm sozusagen mein Herz über Niamh aus. Da wurde er etwas ruhiger und schaute mich immer mal wieder genauer an, jedenfalls kam es mir so vor. Ich hatte plötzlich das Gefühl, von ihm gemustert zu werden.


    Umso mehr ich von Niamh schwärmte und ihm von Ihr erzählte, um so ruhiger wurde er. Anfangs merkte ich es gar nicht, da ich ja so viel sprach. Aber nach einer kurzen Weile fiel mir dann doch auf, dass es ruhig geworden war neben mir. Ich schaute zu ihm rüber und fragte, was los sei? Ich bekam keine direkte Antwort, vielmehr sah ich das erste Mal auf diesem Flug in ein ernsteres und nachdenkliches Gesicht neben mir. Er ging dann auch gar nicht auf meine Frage ein, sondern fing an, mich richtiggehend auszufragen. Er fragte auch immer wieder, nach wie ernst es mir mit Niamh war. Dann blieb er ruhig und schaute mich mit seinen dunklen Augen an. Plötzlich leuchtete es in seinen Augen und er sagte ich soll weiter östlich, auf der Route über Bunratty, fliegen. Ich war erstaunt und ein wenig perplex ob dieser plötzlichen Aktivität zudem auch etwas besorgt, dass wir gar nicht mehr zurückkämen. So fragte ich nur: "Warum, das kostet doch nur wieder unnötig Zeit?". Er sagte einfach nur" Mach es" und fing an „insichrein" zu lächeln. Angus war der Boss, also drehte ich nach der Freigabe ostwärts auf den Kurs um Bunratty herum. Kurz bevor wir Bunratty erreichten, beugte Angus sich nach hinten und fummelte an der Kiste, die er aus Cork mitgebracht hatte. Während er dieses tat, sagte er "Du musst noch einiges über die irische Seele lernen". In diesem Moment öffnete er dir Tür sagte "halte sie genau auf Kurs" und beugte sich weit hinaus.


    Was genau er da tat, blieb mir verborgen. Durch die geöffnete Tür hatte ich einiges zu tun, denn unsere Arrow mochte das ganz und gar nicht. Nach einem Moment, der mir wie eine Ewigkeit vorkam, richtete sich Angus wieder auf, schloss die Tür und grinste über beide Ohren. "Wenn du es ernst meinst, findest du heute Deine Frau fürs Leben". Mehr sagte er nicht. Ich war immer noch perplex über das eben Geschehene, musste mich aber jetzt auf den Endanflug konzentrieren. Durch den Umweg über Bunratty war ich gezwungen im Gegenanflug den Korridor eng zu schneiden. Zu allem Übel ging die Sonne nun ziemlich zielstrebig unter und warf mehr Schatten als Licht Shannon auf der 24 gegen die abendliche Restsonne anzufliegen, war wirklich nicht schön. Die Schwelle ist dann einfach schwer auszumachen. Nach einer engen Linkskurve setzte ich dann jedoch etwas holprig aber sicher auf der Piste auf. Ein Blick auf die Uhr, ich konnte es noch schaffen, Ihr wisst mein Date. Noch war ich also guter Dinge. Diese Hoffnung zerstob aber, als sich das Follow-Me Car direkt vor uns setzte und uns Anweisung gab, ihm zu folgen.


    Das FollowMe dirigierte uns in eine sonst nicht zum Parken zu gelassene Ecke des Airports. Mein erster Gedanke war, „Angus", was hat der angestellt. Ich war mir keiner Schuld bewusst. Als ich jedoch kurze Zeit später zu Angus rüberschaute, war meine Verwunderung groß. Statt der erwarteten angespannten Miene, sah ich wieder Angus breites Lächeln. Ein Lächeln, das mir deutlich zeigte, dass er nicht überrascht war, über das, was hier gerade ablief. Es schien sogar, als ob er es gar nicht anders erwartet hätte. In diesem Moment bekam ich einen weiteren, wenn auch weicheren, Stoß in die andere Seite meiner Rippen und war zurück. Zurück im Pub, an einem nasskalten Tag im trostlosen Bielefeld. Mein Freund Angus stand mir immer noch, über beide Ohren grinsend, gegenüber. Doch das, worüber er so grinste, war für mich eine helle Freude. Die Person, die mich eben liebvoll in die Seite gepufft hatte, war seine Cousine, meine Frau Niamh. Und Niamh forderte natürlich jetzt sehr energisch einen Willkommenskuss von mir. Was beide allerdings hier machten und was es mit der Kiste von damals auf sich hatte, das ist eine andere Geschichte.

  • Nur ein paar Worte (Teil 1)

    Es war halb 4 Uhr morgens, als mich das Klingeln des Telefons unsanft aus dem Schlaf riss. „Verdammt, wer ruft denn soo früh an", ich griff schlaftrunken zum Telefon und brabbelte irgend etwas, das entfernt nach „Kaufmann" klang in den Hörer. „Guten Morgen Herr Kaufmann" schallte es mir fast fröhlich und vor allem wach entgegen. Ich benötigte zwar noch ein paar Sekunden, dann hatte ich jedoch in meinem Gedächtnis herausgekramt, wen ich da am Telefon hatte. „Guten Morgen Frau Drexsel, was verschafft mir den die wundervolle Ehre dich schon so früh am Morgen begrüßen zu dürfen?", sagte ich etwas muffellig. Ich brauchte eben etwas Zeit, um wirklich wach zu werden. Soeben einfach aus dem Schlaf gerissen zu werden, das war nicht mein Ding. Meine Verschlafenheit und Muffligkeit verschwanden jedoch schlagartig als mir Marianne Drexsel sagte : „ Jean hatte letzte Nacht einen Unfall (und was ist halb 4 Uhr morgens?; etwa schon Tag?). Könntest du seine heute startende Flugtour übernehmen? Ich weiß ja, dass du im Urlaub bist und dir etwas Spezielles vorgenommen hattest. Das tut mir auch leid." „Oder hast du gestern noch gefeiert?" Wie gesagt, jetzt war ich hellwach! Jean hatte einen Unfall gehabt, so ein Mist. Wir beide waren schon seit der Schule miteinander befreundet und hatten vorgestern mit Marianne zusammen seinen 30.ten gefeiert. „Wie geht es Jean ?" war daher meine erste Frage. „Soweit ganz Gut" war die Antwort von Marianne, „Jean hatte wohl letzte Nacht die blöde Idee, den Weg zu seinem Haus über den gefrorenen Weiher abzukürzen. Dabei hat er sich langgemacht und jetzt neben einem angebrochenen Arm eine ordentliche Gehirnerschütterung". „Na dann geht es ja noch", sagte ich, doch etwas erleichtert. Weiß der Teufel jedoch, warum mich plötzlich der Hafer stach und ich zusetzten musste „Ich denke er wird sich mit Deiner liebevollen Hilfe bald erholt haben." „Du gemeines Scheusal!" war alles, was ich daraufhin zu hören bekam, bevor die Verbindung unterbrochen wurde.


    Ich war wohl doch noch nicht so wach, wie ich es mir gerade gewünscht hätte! Ich liebte Marianne und ich wusste auch, dass sie etwas für mich empfand. In mir hatte mal wieder der Drache der Eifersucht zu geschlagen und dieser Drache war mit dem Namen Jean verbunden. Seit ich Jean kannte, hatte er mir immer die Mädels ausgespannt und diesmal? Ja, auch diesmal hatte ich das Gefühl, er könnte es wieder tun. Doch wäre es diesmal schlimmer, da ich Marianne von Herzen liebte. Daher hatte ich einfach nur noch Angst, Angst, dass es wieder passieren könnte, Angst, weil er sich an seinem Geburtstag gut mit Marianne verstanden hatte, Angst, weil ich es nicht fertigbekam, ihr zu sagen, was ich alles fühlte, wenn es um sie ging. Ich brachte es einfach nicht fertig, meine Gefühle in Worte zu fassen und erst recht nicht den Mut auf, ihr diese zu gestehen. Darum hatte ich bei allen Gefühlen um Marianne einfach nur noch Angst und verhielt mich, wie ein in die Enge getriebener Hund, ich biss.
    Ich fühlte mich, nach dem was gerade passiert war, richtig mies. Warum hatte ich das nur gesagt? Mit jeder dieser Entgleisungen, die mir bei ihr passierten, wurde das Gefühl, versagt zu haben und gleichzeitig etwas Wertvolles zu verlieren, stärker. Dabei fühlte ich mich dann einfach nur hilflos, wie gelähmt und erstarrt. Unfähig mein Lebensglück selber bestimmen zu können. Ich beschimpfte mich, war wütend auf mich selber und fing an mich langsam dafür zu hassen, so ein Feigling zu sein, das Einfachste der Welt nicht sagen zu können. Wieder klingelte das Telefon, das Display zeigte mir, es war wieder die Firma. Jedoch vernahm ich zu meinem Leidwesen nicht Mariannes Stimme. Ihre Kollegin Karin hatte statt ihrer noch mal angerufen, um zu fragen, ob ich den Flug nun machen könnte. Fast automatisch antwortete ich „Ja, Ja natürlich mache ich den Flug". Ich wollte mich doch nur bei Marianne entschuldigen, warum hatte sie nicht noch einmal angerufen? Bevor ich jedoch nach ihr fragen konnte, hatte mir Karin, in einer leicht unterkühlten Art, meine Zustimmung bestätigt, die Daten auf mein Handy geschickt und aufgelegt. Ich nahm das Handy in meine Hände und las die SMS. Ich fühlte mich irgendwie enttäuscht, als ich die Informationen las. Was hatte ich den auch erwartet, dass Marianne noch ein paar Zeilen dazu schrieb? Ich nannte mich selber einen Trottel, aber den Mut zurückzurufen, fand ich in diesem Augenblick nicht. Schöner Morgen.


    Mein Name ist Joseph Kaufmann, von Freunden werde ich kurz Joe genannt. Wenn ich nicht gerade die Fettnäpfe aufsammle, die mir das Leben in den Weg stellt, bin ich Pilot in einer kleinen Charterflugfirma aus München. Ich bin 32 Jahre jung und Single, eben ein einsamer „Ritter der Lüfte". Ich fliege für diese Firma seit nun mehr 6 Jahren. Oft sind es regelrechte Touren, sodass es schon mal 2 bis 3 Wochen dauert, bis ich wieder zurück in München bin. Hier bewohne ich am Stadtrand eine kleine 3-Zimmerwohnung. Nichts Besonderes aber klein und gediegen. Ich hatte bis eben 2 Wochen Urlaub vor mir gehabt. Einen Urlaub, in dem ich mir vorgenommen hatte, mit Marianne endlich zusammenzukommen. Seit 3 Jahren ging das nun schon mit mir und Marianne, nichts Halbes und nichts Ganzes. Um das endlich zu ändern, hatte ich mir von der Firma eine kleine Cessna geliehen und mit unserer Chefin vereinbart, dass Marianne am Freitag zu einem Kundengespräch fliegen sollte. Natürlich war das alles eine Finte und so hätte ich sie am Flughafen mit Blumen empfangen, um mit ihr dann nach Mollis zu fliegen. Dort hatte ich uns bereits Zimmer in einem kleinen, gemütlichen und familiären Hotel für ein langes Wochenende zu zweit gebucht. Das konnte ich wohl jetzt vergessen und das nicht nur wegen meiner Unüberlegtheit und dummen Eifersucht, sondern auch aufgrund der Planung, die hier vor mir auf dem Display zu lesen war.


    Diesmal stand also eine Tour durch die Schweiz nach Italien an. Wie ich den Daten auf meinem Display entnehmen konnte, sollte ich eine kleine Reisegruppe von Zürich über Ragaz und Locarno ins Aostatal bringen. Ob ich leer zurückfliegen sollte, stand noch nicht fest. Die vorgesehene Maschine war eine unserer beiden C 208er. Für die ganze Tour musste ich mit ca. 7 Tage rechnen, denn für jeden Zwischenhalt waren immer 2 Tage eingeplant. Da das hin- und herfliegen zu teuer und aufwendig wäre, war auch für mich jedes Mal ein Aufenthalt vorgesehen. Die Gruppe hatte laut Bestellung nur kleines Gepäck und war ausschließlich zum Skifahren unterwegs, so musste der Koffer nicht unter die Maschine. Es würde alles in das normale Gepäckabteil passen. Nach dem nun vorliegenden Flugplan musste ich die Maschine heute bis 12 Uhr von München nach Zürich gebracht haben. Hier würde mich die Gruppe erwarten. Nicht viel Zeit bis dorthin. Es blieb mir daher erst mal nichts andres übrig, als mich fertig zu machen, meine Tasche zu greifen und ab zum Flughafen zu fahren. Meine privaten Probleme mussten erst mal „hintenanstehen".


    Ende Teil 1

  • Teil 2

    Die Maschine war gut vorbereitet gewesen und der kurze Flug rüber nach Zürich ging problemlos vonstatten. Auch im Verlauf der Tour, würden mich keine langen Strecken erwarten, dafür war die Schweiz einfach zu klein und die Strecken zwischen den einzelnen Stopps zu kurz. In Zürich angekommen wurde mir ein Stellplatz in einer ruhigen Ecke zugewiesen, der nicht weit entfernt von der Rampe war, zu der die Gruppe per Kleinbus gebracht werden sollte.Die avisierte Gruppe lies dann auch nicht lange auf sich warten und traf pünktlich ein. Als jedoch der Fahrer des Kleinbusses das Gepäck zur Maschine brachte, wurde mir schnell klar, wir hätten den Koffer doch drunter packen sollen. Es waren junge Leute, die ihren Spaß haben wollten und daher nicht nur Skier und kleines Gepäck dabei hatten. So fanden sich eben auch die Dinge im Gepäck wieder, welche man für spontane Feiern eben benötigte. Da ein Mitglied der Truppe erst in Ragaz zu uns stoßen sollte, verstaute ich die zusätzlichen Kisten erst mal auf dem freien Platz, bzw. darunter. Ich hatte die Hoffnung, dass der Inhalt der Kisten heil bleiben könnte. Nachdem das gesamte Gepäck im Flieger verstaut war, nahm ich wie gewohnt vor der Startklarmeldung das Handy in die Hand, um der Firma „Klar–Schiff" zu melden. Auch musste ich den fehlenden Koffer nachfragen, um unser Gepäckproblem lösen zu können. Doch etwas war anders, ich zögerte, als ich die Rufnummer der Firma eintippen wollte. Meine Ängste und Sorgen von heute früh waren plötzlich da, ich hatte Angst. Angst, dass Marianne rangehen würde, Angst nicht zu wissen, wie ich mich entschuldigen konnte. Wie sollte ich nach heute früh reagieren, was sollte ich ihr sagen? Ich war schon drauf und dran den Fahrer des Busses anrufen zu lassen. Aber irgendwann müsste ich sowieso wieder mir ihr reden, also wählte ich die Nummer unseres Büros. Als ich dann Karins und nicht Mariannes Stimme am anderen Ende vernahm, war ich zum einen erleichtert aber im selben Augenblick auch enttäuscht. Es ist ein Kreuz mit diesen Gefühlen, nie ist es richtig. Zu allem Überfluss klang Karins Stimme, sobald sie meinen Namen hörte, mehr als unterkühlt. Es wusste also die gesamte Firma Bescheid. Man Joe, was hast du da bloß wieder angestellt?



    So brachte ich meine Meldung schnell hinter mich und fragte nach, ob der Koffer nach Ragaz gebracht werden könnte. Nach einem kaltem, „Den brauchen sie? Dann sollen sie ihn bekommen" und „das machen wir schon Herr Kaufmann, fliegen SIE mal ihre Tour" legte Karin auf. Ohne mir die Möglichkeit geben zu haben, mich nach Marianne zu erkundigen und zu fragen, warum sie nicht mehr ans Telefon gegangen war. Mit diesen Gedanken in meinem Kopf startete ich dann die Turbine und holte mir die Rollfreigabe. Wobei ich mich auch noch versprach, was der Lotse mit einem dummen Spruch quittierte. Ja wer den Schaden hat, der braucht für den Spot nicht zu sorgen. Unter diesen Voraussetzungen ging die Reise los. Ja Reise, so kann man wohl auch das Taxeln auf dem Züricher Airport nennen. Ich sollte einmal quer über den ganzen Airport zur 16. Weiß der Kuckuck, warum der Lotse mich auf eine derartige Rundtour über den Airport schickte. Na gut, es hat ja auch sein Positives, so konnten die Fluggäste noch mal etwas vom Treiben auf einem Airport sehen. Aber ein langer Weg mit Runwaykreuzung blieb es doch und so verbannte ich alle Gedanken an Marianne erst mal aus meinem Kopf und konzentrierte mich auf das, was vor mir lag. Dass dieser Flug bzw. zumindest der Start doch meine gesamte Konzentration benötigen würde, spürte ich schon auf dem Taxiweg. Denn der Wind rüttelte spürbar am Flugzeug. Es würde wohl kein allzu ruhiger Start werden. Diese Annahme bewahrheite sich dann auch. Beim Start wurde die Maschine etwas gebeutelt und gedrückt. Man kann auch sagen, es wackelte ganz schön. Typisch Zürich, dachte ich und hoffte nicht nur, dass der Inhalt der Kisten auf dem freien Platz ganz blieb, sondern dass keiner der Fluggäste schon jetzt die Tüten benötigen würde. Sobald wir genügend Höhe erreicht haben und aus dem Gebiet von Kloten raus wären, würde es von alleine ruhiger werden.



    Weitestgehend sollte ich auch recht behalten und mein Wunsch sich erfüllen, zumindest blieb der Kisteninhalt ganz. Sobald wir den Flughafen hinter uns gelassen hatten, nahm ich Kurs über den Zürichsee, um in die Alpenkette Richtung Rheintal einzufliegen. Der Wind blieb bis kurz vor der Alpenkette böig, aber war nicht mehr so unangenehm wie beim Start. Die Sonne schien und einer der Fluggäste fühlte sich sogar so wohl, dass er ein paar Bilder vom Flug machte. Beim Einflug in das erste Tal Richtung Ragaz, ließ der Wind fast komplett nach. Hierdurch ermutigt und um meinen Fluggästen etwas zu bieten, flog ich recht tief über den Walensee und in das Rheintal rein.Schließlich sollten meine Gäste ja auch was Schönes zu sehen bekommen. Beim Einflug in das Tal schaute ich kurz nach Steuerbord. Dort hinten lag Mollis, dachte ich doch recht wehmütig, das eigentliche Ziel deiner Reise. Viel Zeit zum weiteren darüber Nachdenken hatte ich jedoch jetzt nicht. Zwar war Wind hier im Tal deutlich abgeflaut, da ich aber nahe an den linksseitigen Berghängen entlang flog, um den Anflug auf Ragaz gut treffen zu können, war meine ganze Konzentration gefordert. Der Anflug auf Ragaz war sowieso nicht so einfach. Ragaz war nicht wirklich auf Flugzeuge wie meine C 208 ausgelegt und hatte auch keine eigene Luftüberwachung. Zu alledem kam dann noch eine, freundlich gesagt, kurze Bahn hinzu und die Lage des Platzes, ungünstig am seitlichen Talrand.


    Ich hatte mir vorgenommen, vom Walensee kommend, den direkten Anflug auf die 12 hinzubekommen, damit ich gleich am Ende der Piste auf das Vorfeld abbiegen konnte. Wer Ragaz schon einmal von Chur kommend auf der 36 angeflogen ist, weiß, dass es sehr schwierig ist, mit einer C 208 am Ende der Piste zu drehen, ohne in den Dreck zu kommen. Von den Schwierigkeiten im Anflug mal ganz abgesehen. Wie gesagt der Flugplatz ist nicht wirklich für eine C 208 geeignet. Soviel zum Thema Planung. Mein geplanter Anflug klappte insoweit, als das ich wie vorgesehen ins Rheintal einflog. Leider hatte ich meine Rechnung ohne den unbeständigen Wind gemacht. Dieser kam nun, anders als vorhergesagt, aus westlicher Richtung und drücke nicht nur das Flugzeug etwas zu sehr in die Talmitte, sondern auch Wolken hinterher. Es wurde diesig und so passierte, was ich befürchtet hatte, ich flog am Flugplatz vorbei. Jetzt musste ich also den ungeliebten Anflug aus Richtung Chur (36) machen und sehen, wie ich am Boden drehen konnte. Drehen musste ich jetzt auch in der Luft, um den Gegenanflug einleiten zu können. Hierfür musste ich fast bis vor Chur fliegen. Erst dort gab es genügend freien Luftraum, ohne Gefahr zu laufen an den Bergen kleben zu bleiben oder anderen Flugverkehr zu stören, um zu wenden. Es war einfach zu diesig und ohne Luftraumkontrolle, war mir das Wenden im engen Tal direkt über Ragaz einfach zu gefährlich. So drehte ich also über Chur eine Runde, um mich dann auf den Anflugkurs nach Ragaz zu begeben.

  • Teil 3

    Ich teilte meinen Anflug und die in Aussicht genommene Bahn per Verkehrsfunk mit und begann den Landeanflug. Natürlich hatten die Jungs und Mädels hinten mitbekommen, dass wir am Flugfeld buchstäblich vorbeigesegelt waren und ich bekam nun die richtigen Sprüche zu hören. Das war mir diesmal jedoch egal, den wie schon erwähnt, die Bahn ist sehr kurz und nicht unbedingt für eine C 208 geeignet. Durch die Randlage des Platzes war mein Schlussanflug recht steil. Nachteil, man verlor zu wenig Geschwindigkeit; Vorteil, die Sprüche klopfenden Fluggäste wurden merklich ruhiger. Kurz nach dem Aufsetzen, setzte ich alles als Bremse ein, was irgendwie möglich war. Zu meinem Erstaunen und zur Beruhigung der Fluggäste, kam die gute Dame recht zügig zum Stehen. Mit einem so kurzen Bremsweg hatte ich dann doch nicht gerechnet. Ja man muss eben mal was ausprobieren, um Neues zu erfahren. Jetzt lag nur noch die Aufgabe die Maschine zu drehen und zum Vorfeld zu bekommen vor mir. Zu meiner Erleichterung sah ich, dass die querende Straße, an der die Piste endete, auch gut geräumt war. So entschloss ich mich, einfach die Straße mit als Wendefläche zu benutzen. Danach taxelte ich über die Piste zurück und schob die „große" Dame einfach zwischen den Kleinen, durch zu ihrem Platz vor der Halle. Natürlich hatten wir mit dieser Landung für ein wenig Aufsehen auf diesem kleinen Feld gesorgt. Und so gab es ein kleines „Hallo" zur Begrüßung. Als ich den Motor ausmachte und die Türen öffnete, war auch schon der Hotelbus vorgefahren, um die Gäste abzuholen und ins Hotel zu bringen. Ich sollte hier auf dem Flugplatz übernachten. Schließlich musste ja auch noch, bis zum Weiterflug in 2 Tagen, der Koffer unter der Maschine angebracht werden.



    Nachdem ich die Maschine nachtfertig gemacht hatte, ging ich zum Platzwart, um mir den Schlüssel für die Kammer abzuholen und bei der Firma anzurufen. Zu meiner Überraschung hörte ich Mariannes Stimme am anderen Ende der Leitung. Da ich in den letzten Stunden die Gedanken an sie nach hinten geschoben hatte, bekam ich, außer einem nervösen Schlucken und einem heiseren „hier ist Joe bin in Ragaz" nichts heraus. Ich bekam jedoch keine direkte Antwort. Ich hörte nur ein leises Aufschluchzen und das der Hörer weitergereicht wurde. Meine Chefin selber war es dann, die meine Meldung ungewöhnlich knapp und einsilbig bestätigte, sowie mir kühl mitteilte, dass der Koffer bereits unterwegs sei.



    Nach diesem Telefonat hätte ich mich am liebsten volllaufen lassen, so war mir zumute. Marianne weinte! Weinte, weil ich sie verletzt hatte. Ich hatte die Frau, den Menschen der mir am meisten bedeutet verletzt. Mir ging es einfach nur noch dreckig und ich fühlte mich schlecht. Eigentlich hatte ich vorgehabt eine Kleinigkeit richtig zu Abend zu essen, zumal der Wirt hier ein klasse echtes Wienerschnitzel machte. Mir war nach diesem Anruf jeglicher Appetit vergangen. Ich machte mich stattdessen auf zu einem kleinen Spaziergang, der mich zur alten Burgruine führen sollte. Der kühle Wind und die doch winterliche Atmosphäre schenkten mir eine Weile der Ablenkung. Doch dieser Zustand währte nicht lange. Sobald ich an den Resten des alten Burgfrieds stand und über diese wunderschöne und romantische Winterlandschaft schaute, übermannten mich meine schmerzlichen Gefühle wieder. Diese Gefühle schienen mich innerlich zu zerreißen. Ich musste jetzt einfach mit jemandem drüber sprechen, jemandem dem ich vertrauen konnte, jemandem der mir aus dieser Lage half. Ich brauchte schlicht einen Rat und etwas Trost. Dafür gab es nur zwei Personen, zum einen meinen besten Freund „den Tempelhofer" zum Anderen meine kleine Schwester. Leider war der Tempelhofer gerade mit einem geheimnisvollen Auftrag in der Schweiz unterwegs, sodass ich ihn nicht erreichen konnte. Da ich mit meiner Schwester ein sehr gutes Verhältnis pflegte und sie als Schwester auch eine Frau war, entschied ich mich, bei ihr anzurufen. So stand ich nun dort, oben an der Burgruine, schaute über das Tal, mein Handy ans Ohr gedrückt und hoffte, dass sie abnehmen würde. Als es in der Leitung klick machte und ich die Stimme meiner Schwester vernahm, hatte ich die Hoffnung alles würde gut werden. Was jedoch dann kam, hatte ich nicht erwartet. Wenn meine Schwester sauer ist, dann ist sie richtig sauer und so bekam ich einen wütenden Wortschwall an den Kopf geworfen, was ich mir überhaupt erlauben würde, ob ich überhaupt wüsste, was ein Herz sei; wie ich es wagen könnte, überhaupt noch mit ihr zu reden und ob ich mich noch selber im Spiegel betrachten könnte. So etwas hätte sie nie von mir gedacht. Und bevor ich auch noch etwas sagen konnte, war die Verbindung unterbrochen. Ich war wie vom Blitz getroffen, sogar meine Schwester wusste bereits Bescheid.



    Ich weiß nicht mehr wie ich dann später, halb erfroren, wieder zum Platz und ins Bett gekommen war. Ich war wie paralysiert! Ich hatte ja schon einiges mitgemacht und erlebt, aber diesmal traf es mich tief. Es ging um die Frau, mit der ich mein Leben verbringen wollte. War ich zu weit gegangen? Was war eigentlich passiert? Ich erlebte das erste Mal in meinem Leben diesen Gefühlsmix, diesen Mix aus dem Gefühl etwas Wertvolles verloren zu haben und das alles nicht wirklich richtig ist. Das Gefühl neben sich zu stehen und nicht zu verstehen was gerade passierte, alles war nur noch unwirklich. War ich, Joe Kaufmann, wirklich dieser anscheinend gefühlskalte, böse Mensch?

  • Teil 4

    Als ich am nächsten Tag erwachte, fühlte ich mich bleiern und verkrampft. Ich hatte nicht gut geschlafen und das sah man mir auch deutlich an. Nach einer warmen Dusche und einen lieb gemeinten, ich sah einfach zu erbärmlich aus, deftigem Frühstück im Lokal, machte ich mich auf den Weg die Maschine für den Koffer vorzubereiten. Ich war gerade eine halbe Stunde damit beschäftigt, als ein Kleintransporter in Richtung Feld gefahren kam. Ich konnte schon von meinem Platz aus sehen, dass er unseren Koffer bei sich hatte und soweit ich es aus dieser Entfernung auch schon sagen konnte, waren zwei Männer im Wagen. Ich konnte also davon ausgehen, dass der Koffer noch am Vormittag montiert sein würde. Bei der Ankunft stellte sich dann heraus, es waren tatsächlich zwei Männer. Der eine war mir wohl bekannt, war es doch unser Chefmechaniker. Dieser kam auch direkt auf mich zu, schüttelte dabei nur den Kopf und sagte: „Miin Jung, miin Jung. Das war nichts, das war wahrlich keine Glanzleistung von Dir." Ich wusste schon gar nicht mehr, wo ich hin sollte, am liebsten wäre es mir gewesen, mich in ein Erdloch zu verkriechen. Mehr sagt der Alte van de Buecken auch nicht mehr dazu. Er war kein Freund großer Worte, um so schwergewichtiger wogen seine eben gesprochenen Worte gegen mich. Es hatte auch kein Sinn mit ihm darüber zu reden und so fingen wir gleich an, den Koffer zu montieren. Es dauerte auch nicht wirklich lange und nach einer Stunde war alles fest. Bevor die beiden dann jedoch wieder abfuhren, kam der Alte noch einmal zu mir, schaute mir tief in die Augen und sagte: „Bring das schleunigst in Ordnung mit Marianne, sie liebt Dich mehr als Du Dir denken kannst." Ich hatte bis zu diesem Augenblick ganz vergessen, dass der Alte ihr Taufpate war und Marianne schon seit ihrer Geburt kannte. „ Achja die Chefin lässt dir ausrichten, da du Emma wohl nach dieser Aktion nicht brauchen wirst, hat sie sie an eine gute Kundin verliehen." Die Emma war unsere C 172, welche wir häufig für Firmenflüge benutzten, die ich mir für den Flug nach Mollis reservierte hatte. Mit dieser Nachricht hatte mir unsere Chefin sehr deutlich zu verstehen gegeben, wie sie jetzt zu mir stand. Ein Wunder, dass ich noch nicht die fristlose Kündigung erhalten hatte. Was ein paar unbedachte Worte alles auslösen konnten.


    So verbrachte ich den Rest des Tages in einem Gemisch aus Selbstmitleid, Selbstvorwürfen und Verzweiflung. Auch ein etwas längerer Spaziergang nach Ragaz brachte mich auf keine anderen Gedanken. Zu sehr belastete mich die Situation. Hinzu kam, dass ich plötzlich so viele Situationen und Momente während des Spaziergangs entdecke, welche ich gerne mit Marianne teilen würde. 2-mal versuchte ich Marianne anzurufen, um mich zu entschuldigen. Beim ersten Versuch wurde sofort aufgelegt und beim zweiten Versuch nahm erst keiner ab. In meiner Verzweiflung ließ ich mich sogar darauf ein, ihr von einem Blumenladen aus einen wunderschönen „Verzeihmirstrauss" zu zusenden. Am Abend spendete mir der Wirt noch einmal Trost, oder war es doch mehr seine Frau, in dem ich ein ausgesucht gutes Essen vorgesetzt bekam. Die folgende Nacht war wieder angefüllt von wilden Gedanken und Emotionen und so konnte ich auch diese nicht als erfrischend bezeichnen. Früh am nächsten Tag machte ich dann die Maschine für die nächste Etappe nach Locarno fertig. Die Gruppe sollte gegen 9:30 Uhr eintreffen, was sie auch pünktlichst tat. Da sich jetzt auch der letzte Teilnehmer eingefunden hatte, war ich froh, dass ich den Koffer als zusätzlichen Stauraum hatte, denn nicht nur die Gruppe war größer geworden.


    Nachdem alles Verladen und die Passagiere eingestiegen waren, startete ich die Maschine und machte noch den obligatorischen Firmenanruf. Aber auch diesmal keine freundliche Stimmung oder ein Wort über Marianne. Karin fertigte mich wie beim letzten Mal recht kühl und sachlich ab. Es blieb mir also nicht weiter übrig, als gute Miene zu diesem traurigen Spiel zumachen und unsere Gäste sicher und bequem an ihr nächstes Ziel zu fliegen. Über Verkehrsfunk stellte ich sicher, dass sich kein anderes Flugzeug im Moment in der Nähe des Flugplatzes befand und rollte zu unserer Startposition auf die Runway. Auch diesmal musste ich am Ende drehen, denn der Start sollte über die 12 erfolgen. Der Start ging problemlos vonstatten, keine Winde, die uns durchrüttelten oder dicke Wolken, welche die Sicht behinderten. Es herrschte strahlendes Flugwetter. Unser Weg führte uns nach dem Start durch das Rheintal über Chur Richtung Andermatt. Es ging entlang der Rhätischen Alpen über das Rheinwaldhorn Richtung Lago Maggiore, in das wunderschöne Tessin, wo am östlichen Ende des Sees der Flugplatz von Locarno liegt. Auch an diesem Tag hatte ich mich entschlossen, eher im Tiefflug bis Locarno durchzufliegen. Meine Gäste dankten es mir, was sich an so manchen Begeisterungsausrufen deutlich machte. Besonders die Damen der Gruppe waren von dem Panorama, welches, sich ihnen bot überwältig. Und wieder stach ein Stachel in mein Herz, denn ich musste, an den Flug mit Marianne denken, den ich mit so viel Gefühl geplant hatte und der nun nicht mehr stattfinden sollte. Nach knapp einer Stunde Flugzeit kam dann der Lago Maggiore und damit auch der Flugplatz von Locarno in Sicht.


    Es ist immer wieder ein bemerkenswerter Eindruck, wenn man aus dem engen Tal eindrehend in die weite Ebene zum See hinein fliegt. Leider war ein direkter Anflug landseitig an diesem Tag, aufgrund des auffrischenden Windes, nicht mehr möglich. So flog ich noch eine Platzrunde und schwenkte dann auf den Anflug vom See her ein. Die Landung verlief, trotz einiger Böen im Endanflug, doch recht sanft und unkompliziert. Nun hieß es nur noch einmal um den Stützpunkt der schweizerischen Luftwaffe, mit seinen Pilatusmaschinen, herum rollen, um auf der anderen Seite unser Flugzeug auf dem vorgesehenen Platz abzustellen. Auch diesmal wartete ein Hotelbus auf die Gruppe und ich blieb für die 2 Nächte auf dem Platz zur Übernachtung. Zum meinen Glück gab es hier durch die Kaserne ein warmes Zimmer und eine gute Kantine für mich. Nach dem ich das Flugzeug fertiggemacht hatte, ging ich dem Platzcontroller meine Aufwartung machen und mich anmelden. Ich bekam meinen Zimmerschlüssel und einen Passierschein. So ausgerüstet machte mich dann mit meiner Tasche auf den Weg, mein Zimmer in der Gästeunterkunft der Kaserne aufzusuchen. Dort angekommen stellte ich die Tasche aufs Bett und machte meinen üblichen Klarmeldungsanruf an die Firma. Wie schon vorgestern nahm auch an diesem Tag meine Chefin persönlich das Gespräch entgegen. Zu meiner Verwunderung konnte ich bei ihr diesmal keine Kühle und vor allem keine feindliche Stimmung im Tonfall ausmachen. In einem eher freundlich zu nennenden Tonfall fragte sie, ob bisher alles in Ordnung gewesen sei, und war überrascht, dass ich ja nun schon in Locarno war. Trotz dieses überraschend freundlichen Gesprächs, kein Wort über Marianne oder warum sie nicht an das Telefon ging. So endete das Gespräch, ohne das ich die Chance bekam, nachfragen zu können. In diesem Moment wünschte ich mir, ich könnte in München sein. In München, nahe bei Marianne, könnte einfach zu ihr fahren und alles klären. Aber da war noch etwas. Etwas das langsam aber immer intensiver in mir hochkroch. Die Angst, die Angst ich könnte Marianne durch meine Dummheit nun endgültig in die Arme von Jean getrieben haben. War meine Chefin deshalb so freundlich, weil Marianne mich aus ihrem Leben entfernt hatte ?


    Es war eine bedrückende und unruhige Nacht aus der ich am nächsten Morgen unsanft um 5 Uhr geweckt wurde. Ich hatte ganz vergessen, dass in einer Kaserne der Tagesablauf etwas anders und früher anfängt als bei uns „normalsterblichen". So saß ich also eine dreiviertel Stunde später in der Offiziersmesse und verspeiste ein gutes Frühstück, doch mehr recht als schlecht. Schon seit Tagen wollte sich kein Appetit mehr einstellen, sosehr war mir alles auf den Magen geschlagen. Da ich nun mal schon so früh aufgestanden worden war, beschloss ich den Tag für einen ausgiebigen Spaziergang um den See, nach San Nazzaro, auszunutzen. Ich kannte den kleinen Ort am Südufer des Lago Maggiore schon von früheren Besuchen und hoffte, wie schon in Ragaz, dort etwas den Kopf frei zu bekommen. Bei früheren Touren war ich dort gerne in einem kleinen familiären Gasthaus abgestiegen. Durch die herzliche Aufnahme der Gastfamilie hatte ich mich dort immer recht wohl gefühlt. Auch diesmal hoffte ich in dieser familiären Umgebung Abstand gewinnen zu können. Als ich am Abend wieder zur Kaserne kam war ich deprimierter als vorher. Nicht nur das mir die Frau des Hauses ordentlich den Kopf gewaschen hatte, nein es war mir dort wieder so bewusst geworden, was mir Marianne bedeutet und wie sehr ich unter dieser Situation litt. Und so begann wieder eine unruhige und von Selbstvorwürfen durchzogene Nacht.

  • Teil 5

    Am nächsten Morgen verdrängte ich meine Sorgen und Gedanke, den es hieß früh Aufstehen und das Flugzeug fertig machen. Die Gruppe wollte spätestens gegen 9 Uhr in Aosta sein, was bedeutet, dass wir noch im Dunkel starten mussten. Als der Hotelbus die Gruppe vor der Maschine absetzte, war es noch dunkel. Da ich bereits alle Zollformalitäten erledigt hatte und das Gepäck, sowie die müde Truppe schnell verstaut waren, rollte ich noch vor Sonnenaufgang zum Start. Gewünscht hätte ich mir einen wunderschönen Start über den See in den aufgehenden Morgen mit all seinen farblichen Schattierungen. Aber leider erhält man nicht sehr oft, das was man sich wünscht. Wie ich in den letzten Tagen schmerzhaft lernen musste.Stattdessen hatte es angefangen zuschneien und der Wind frischte in Böen heftig auf. Es würde also kein leichter Start werden, zumal die Wolkenuntergrenze hier im Tal recht tief lag. Ich sah schon wie ich mich im Blindflug durch die Wolken arbeitete. Zu allem Übel musste ich dann auch noch von der Grasspiste in Richtung See starten, da die Asphaltpiste gerade vom Militär benutzt wurde. Der Start war dann auch recht turbulent und holprig. Die Maschine wurde derart hin und her gerüttelt das auch der Letzte meiner Fluggäste wach wurde. Erst nachdem wird das Gebiet des Sees hinter uns gelassen und auf eine Höhe von 7.000 Fuß gestiegen waren, wurde es ruhiger. Aufgrund der Turbulenzen und der heftigen Winde an diesem Morgen, nahm ich eine Route die durch einen Teil Norditaliens bis in die Nähe des Luftraums von Milano führte. Von da an ging es dann über Biella direkt in das Aostatal. Leider lag die Sichtweite am Anfang des Fluges stellenweise bei quasi Null. Viel zusehen gab es also nicht.

    Und doch, trotz des turbulenten Starts wurde es dann noch ein schöner Flug. So schoben sich nach einer halben Stunde etwa die ersten Sonnestrahlen vorsichtig durch die Wolken und tauchten das Flugzeug und die Umgebung in ein wundervolles rötlich, violettes Licht. Und mit ansteigender Sonne stieg dann auch die Stimmung im Flugzeug wieder an. Das mag auch daran gelegen haben, dass es, umso weiter wir Richtung unseres Endziels Aosta kamen, immer mehr aufklarte. Der weiterhin bestehende böige Wind blies die Wolken vor sich her und aus unser Flugroute. So sank ich dann auf dem letzten Teilstück auf 6.000 Fuß und meine Fluggäste hatten einen wunderschöne Blick auf die italienischen Alpen. Nach gute einer Stunde Flugzeit begann ich den Sinkflug und tauchte in das Aostatal ein. Es war ein recht kurviger Anflug, aber schnell war auch der Flugplatz ausgemacht und da der Wind aus Nordwest kam, konnte ich ohne Platzrunde direkt in den Landeanflug über gehen. Obwohl die Landung aus Sicht meiner Fluggäste sanft gewesen war, war ich mit ihr nicht zufrieden. Der Wind hatte mich am Ende noch etwas zu hoch gedrückt, gottseidank war die Piste lang genug ,so dass ich auch später hatte aufsetzen können.



    Nach dem alle Zollformalitäten erledigt, die Gäste verabschiedet und das Gepäck entladen worden war, galt mein Auftrag als beendet. Ja offiziell war der Auftrag nun beendet, aber was kam jetzt? Wurde ich weiter in die Wüste geschickt? Einfach auf die nächste Tour, damit ich Marianne aus dem Weg war? Oder war das meine letzte Tour für die Firma gewesen? Galt es nur noch den Flieger nach München zu bringen und dann war's dass? Und zwischen all diesen Fragen und Sorgen immer wieder die Gedanke an Marianne, meine Gewissensbisse und meine Ängste, alles aber auch wirklich alles kam jetzt hoch. Es fiel mir schwer jetzt den nötigen Anruf bei der Firma zu machen. Ich lehnte mich also erstmal an die Maschine und schaute in Richtung Matterhorn. Dieser majestätische Berg mit seiner so charakteristischen Form wirkte irgendwie beruhigend auf mich. Er stand da so felsenfest und unverrückbar. Die Wolken zogen eiligst um ihn herum ohne das er nur wankte. Wie sah meine Zukunft aus? Ohne Marianne ?


    Ich vergaß die Zeit um mich herum, ich spürte kaum den kalten beständigen Wind, der an meiner Jacke und den Hosenbeinen zerrte. Ich spürte nicht die Kälte, welche sich auf mein Gesicht legte. Ich starrte wie hypnotisiert auf diesen Berg der doch so weit weg und gleichzeitig so nah zu seinen schien. Wie lange ich so am Flugzeug stand, ich weiß es nicht mehr. Aus dieser Erstarrung rette mich dann das Handy, welches plötzlich anfing zu klingen. Ich brauchte zwar ein paar Sekunden um zu begreifen wo ich war, nahm aber automatisch das Gespräch an. Es war meine Chefin, welche sich nun doch Sorgen gemacht hatte, weil ich mich noch nicht gemeldet hatte.


    Ich saß in meinem Quartier am Flugplatz Aosta und versuchte mir einen Reim auf alles zu machen. Die letzten Tagen waren ein Wechselbad der Gefühle gewesen. Zu guter Letzt rief vor gut 3 Stunden meine Chefin an. Sie wollte sich nicht nur nach dem Flug erkundigen, sondern teilte mir mit, dass ich am nächsten Tag mit einem Bekannten als Begleiter nach Sion fliegen würde. Die Maschine würde Stefan in den nächsten Tage zurück nach München bringen. War das jetzt bereits die von mir befürchtete Kündigung? Ich durfte nicht einmal mehr selber die Firmenmaschine zurück fliegen. Im Grunde war ich verzweifelt, Marianne weg, Job weg und alles wegen ein paar unbedachten Worten. Auf der einen Seite konnte ich nicht verstehen, warum diese paar Worte eine derartige Veränderung in meinem Leben verursacht hatten, auf der anderen Seite war es mir schon klar, worum es ging. In diesem Moment schwor ich mir, nie wieder die Eifersucht in mir hochkommen zu lassen, einfach zu vertrauen, dem Partner zu vertrauen und nie, nie wieder sich gehen zu lassen.


    Am nächsten Morgen fühlte ich mich einfach nur elend, die Nacht war grauenvoll gewesen, ich hatte kaum ein Auge zugemacht. In dieser Verfassung hätte ich auch wirklich nicht selber fliegen können. Das Frühstück in einem nahen Cafe aß ich mehr aus Gewohnheit, aals das ich mitbekam, was mir aufgetischt worden war. Mein Magen war wie zugeschnürt und ich war so in meine Gedanken vertieft, dass ich nicht einmal mitbekam, dass mich ein älterer Herr von einem Nachbartisch aus beobachtet. Nach dem ich etwas später meine Tasche gepackt hatte , schleppte ich mich in genau dieser Verfassung auf das Vorfeld um den Bekannten der Chefin zu treffen. Ja nach Sion sollte er mich bringen, oder wie es die Chefin ausdrückte, den ich nach Sion begleiten sollte. War sie überhaupt noch meine Chefin oder nur noch Frau Brandmeier? So oder so, in Sion würde ich dann wohl mit einem Regionalen zurück nach Deutschland kommen müssen, um mir in München meine Papiere abholen zu können.


    Das Flugzeug war nicht schwer zu finden. Es war eine kleine Auster J1 in einer ziemlich auffälligen Lackierung mit roten und weißen Streifen. Ich stellte meine Tasche neben das Flugzeug und schaute mich nach dem Piloten, dem Bekannten, um. Aber es war niemand in der Nähe zu sehen, dem ich zutraute, diese Maschine fliegen zu wollen. So stand ich eine Weile, in meine Gedanken gehüllt, neben dem Flugzeug und beobachtete wieder die Berge. Besonders einer schien es mir angetan zu haben, das Matterhorn. Ich war derart in meine Gedanken und dem Blick auf die Berge versunken gewesen, dass ich gar nicht mitbekommen hatte, dass ich in der Zwischenzeit nicht mehr alleine war. Mehr aus dem Augenwinkel heraus nahm ich eine Gestalt war, die sich neben mich gestellt hatte und auch in Richtung Matterhorn schaute. Noch bevor ich etwas sagen konnte, fing diese Person an zu reden. Mehr mit sich selber, als mit mir, aber er sprach aus, was auch ich gerade empfunden hatte. „ Er ist schon Majestätisch, wie er da über uns thront, er erscheint so unverrückbar, egal was um ihn herum geschieht. Man wünschte sich, genauso standfest und über allem stehen zu können. Wenn man dort oben ist, erscheinen alle Probleme so winzig und nichtig. Es ist, als ob man alles lösen könnte." So standen wir beide eine ganze Weile nebeneinander und schauten in Richtung dieses Berges. „Dieser besondere Berg ist schon ein erhebender Anblick, auch von hier aus", sagte der alte Herr plötzlich und fügte hinzu, „Kommen Sie, schauen wir ihn uns von Nahem an." Jetzt erst begriff ich, wer da die ganze Zeit neben mir gestanden hatte. Es war der „Bekannte" , den ich nach Sion begleiten sollte.

  • Teil 6

    Als ich mich zum Flugzeug umdrehte, stellte ich fest, dass nicht nur meine Tasche bereits verstaut, sondern auch das Flugzeug bereits startklar gemacht worden war. Ich hatte wohl doch eine ganze Weile dargestanden und auf die Berge geschaut. Meine leichte Verblüffung wurde von dem alten Herren mit einem Schmunzeln aufgenommen. Er war einer von den Menschen, denen man nichts böses zutrauen konnte. Er stand direkt vor mir und das Erste was mir an diesem Mann auffiel, waren seine freundlich blitzenden, dunklen Augen. Sein Haar, soweit man es unter seiner Schiebermütze erkennen konnte, war schüttern und grau. Genauso grau wie sein Bart, der die Hälfte des Gesichtes beherrschte. In seinem lächelnden Mund steckte eine Pfeife und seine Wangen waren leicht gerötet. „ Na" sagte er, „wollen wir los?" Ich nickte nur und setzte mich ins Flugzeug. Kurze Zeit später stieg auch er ein und startete die Maschine.


    Es war wenig los an diesem Morgen und so bekamen wir sofort eine Startfreigabe. Das Wetter war ausgesprochen freundlich, wenn auch wie gewohnt sehr windig. Es dauerte auch nicht lange und wir schwebten mit der kleinen Auster in der Luft. Nachdem der Start beendet war, zeigte der alte Herr nach vorne und sagte „Dort hinten liegt der Monte Bianco oder wie man auch sagt der Mont Blanc, aber der interessiert uns beide heute nicht." Sprachs und zeigte nun auf das Matterhorn, welches sich rechts neben uns befand. „Dort fliegen wir jetzt hin." Da wir aber erst noch an Höhe gewinnen mussten, drehte er auf die gegenüberliegende Talseite, um den Platz zum Steigen auszunutzen. Erst dann machten wir uns auf in Richtung Matterhorn. Unser Weg würde uns an ihm vorbei, durch ein Hochtal nach Sion führen. Während der Startphase und der Kursanlegung, hatten wir nicht miteinander gesprochen. Nun wo unser Kurs anlag, drehte er sich zu mir, schaute mich aus seinen dunklen, freundlichen Augen an. „Wovor hast du Angst?" Mehr fragte er nicht. Ich hatte auch nicht das Gefühl, dass er sofort eine Antwort erwartete. Ich blicke zur Seite aus dem Fenster, auf die Hänge und verschneiten Wiesen unter uns. Richtig! Wovor hatte ich Angst? Ich dachte gar nicht darüber nach, warum mich der alte Herr das fragte. Es war irgendwie logisch, dass er mir diese Frage stellen musste. Wir stiegen weiter, immer weiter in Richtung Matterhorn. Die Berghänge wurden immer steiniger und der Wind immer böiger. Aber wovor hatte ich Angst? Mein erster Gedanke war, ich weiss es nicht, zum Kuckuck ich weiss es nicht. Irgendwie musste der Alte spüren, was diese Frage in mir ausgelöst hatte. Er schaut kurz zu mir rüber und dann fing er an zu erzählen. Er erzählte mir von einem Riesen, der alles Glück der Welt gehabt habe, aber mehr wollte und sich daher aufmachte, ein Tal, in welchem Milch und Honig flossen, zu verlassen. Bei seinem Aufbruch zerstörte er jedoch den Schutz dieses Tales vor den Widrigkeiten der Natur. Seit diesem Tag war dieses Tal dem eisigen Wind, Schnee und Eis ausgesetzt. Erst später verstand ich, dass er mir die Sage des Riesen vom Matterhorn erzählte. Zu diesem Zeitpunkt war ich mit meinen Gedanken ganz woanders.


    Ich war regelrecht versunken, bis zu dem Augenblick, an dem der alte Herr etwas sagte, was mich aufhorchen ließ. Er erzählte davon, wie schlimm es einem ergehen kann, wenn man sich seiner Gefühle im unklaren war und nicht sehen könnte bzw. gar nicht schätzen würde, was man hat. Wie schlimm es einem erginge, wenn man sich daher selber misstraute. Ihm sei es damals genauso ergangen. Er wäre in jungen Jahren ein Heizsporn gewesen und hätte alles und jedes angezweifelt. Er war sich über sich selber nicht im Klaren gewesen und hatte gedacht, alles würde gegen ihn sein. Egal wie sehr er sich auch bemühte, egal wie viel Kraft er einsetzte, um im Leben voranzukommen. So sah er auch nicht die Liebe einer Frau bzw. bezweifelte, das sie ihn meinen könnten. An dieser Stelle wollte ich mich zuerst wieder meinen Gedanken und Sorgen widmen, denn an der Lebensgeschichte des alten Herren war ich nicht wirklich interessiert, dazu kam ich dann aber nicht mehr. Den jetzt erzählte der alte Herr, dass ihn diese Frau mit Hilfe ihrer Familie dazu gebracht hatte, darüber nachzudenken, wie viel er wert war und was er im Leben wollte. Daneben ließ sie ihn immer wieder wissen, wie sehr sie ihn liebte. Es war, wie er sich ausdrückte, für ihn ein Gang nach Kanossa gewesen. Er hätte seine Lehre verstanden und wäre heute nicht nur glücklich mit dieser Frau verheiratet, sondern hätte auch eine wundervolle Tochter, auf die er besonders stolz sei. Leider hätte sich diese, seine Tochter, in genauso einen „Vollidioten" über beide Ohren verlieben, wie er damals einer war.


    Mittlerweile hatten wir den Grat neben dem Matterhorn erreicht und man spürte wie der Wind die kleine und schwache Maschine beiseite drückte und an ihr rüttelte. Der alte Herr hatte zwar alle Hände voll zutun die Maschine beim Überqueren des Grats auf Kurs zu halten, blieb dabei jedoch völlig ruhig. Der Blick rüber zum Berg, lies die Worte des Mannes noch einmal eindrucksvoller erscheinen. Unberührt von den starken Winden um ihn, stand er fest verwurzelt und über allem erhaben. Langsam aber stetig arbeitete sich die kleine Maschine gegen den Wind vorwärts, bis wir den Grat hinter uns gelassen hatten und auf schweizerischer Seite in das dahinter liegende Höhental einflogen. Kaum waren wir wieder in ruhigen Gefilden, schaute mich der alte Herr mit schelmisch blitzenden Augen an und sagte:" Mal von Vollidiot zu Vollidiot, ich heiße George". Ich war sprachlos und bekam im ersten Augenblick kein Wort heraus. Mein Blick hing an diesem gütigen Gesicht und ich versuchte mir der Bedeutung dieser Worte klar zu werden. Zaghaft fand ich meine Sprache wieder, „Mein Gott! Sie ...sie...sie sind Mariannes Vater?" . „Ja" sagte er kurz" aber du darfst mich ruhig George nennen." Wie vom Blitz getroffen saß ich auf meinem Sitz, unfähig in diesem Moment etwas zusammenhängendes zu denken. Aber das brauchte ich auch nicht, den nun sprach George. „Marianne war, wegen deines Verhaltens ihr gegenüber, sehr verzweifelt. Sie muss dich von ganzem Herzen lieben, sonst wäre sie längst weg gewesen. Soweit kenne ich meine Tochter. Nach ihren Erzählungen hast du einfach nicht ihren Gefühlen dir gegenüber vertraut bzw. Du traust dir nicht zu was du selbst fühlst." So ganz unrecht hatte George nicht und so langsam war mir bewusst, wie die Antwort auf Georges Frage lauten musste, wenn ich ehrlich zu mir war. Ich hatte Angst verletzt zu werden und ich hatte Angst nicht geliebt zu werden. Ich hatte Angst vor dem was immer kommen mochte. Daher unterband ich diese Gefühle in mir und biss jeden gleich zu Anfang von mir. Mein Gott, was hatte ich Marianne in den letzten 2 Jahren angetan. George schwieg, ich denke er wusste, was gerade in mir vorging. Viel Zeit zum reden war nun auch nicht mehr, denn wir flogen aus dem Hochtal raus und damit genau in den Anflug von Sion. Ein grandioser Anblick, rechts und links die Hänge und dann dieser Schlauch von Tal, in dem sich alle Wege verbanden und mittendrin der Flugplatz. Noch ein kleiner Hüpfer über einen Ausläufer und dann waren wir auf dem Endanflug. In meinem Kopf drehte sich alles. Ich hatte Marianne nicht verloren?

  • Teil 6

    Nach einer sanften Landung, rollte George das Flugzeug zum nördlichen Parkbereich und hielt genau neben einer alten C 172 mit Schweizer Kennung. Als die Maschine zum stehen gekommen war, schaute mich George noch einmal durchdringend an und legte seine Hand auf meine Schulter. Energisch sagte er: „Wenn Dir Marianne nur annähernd das bedeutet, was ich annehme, dann lerne aus dem, was Du in den letzten Tagen durchgemacht hast. Vertraue den Menschen die zu Dir stehen und die Dir etwas bedeuten. Ohne dieses Vertrauen und ihre Zuneigung wirst Du immer scheitern, wirst Du immer das Gefühl haben, ausgeschlossen zu sein, etwas verloren bzw. wichtiges nicht getan zu haben." Dabei nahmen sein Gesicht ernste ,aber sanften, Züge an. „Sie ist meine einzige Tochter und ich werde niemals zulassen, das ihr jemand weh tut. Sie liebt Dich, Du bist ein anständiger Mensch, bringe das in Ordnung und sieh in die Zukunft". Diesen letzten Satz hatte ich doch schon einmal in ähnlicher Form gehört und ich nahm ihn in mir auf, aber auch die anderen Worte verfehlten nicht ihre Wirkung. Ich verstand nun, was ich in den letzten Tagen durchgemacht hatte und warum ich immer diese Angst in mir fühlte. In den letzten Tage war ich gezwungen worden, genau diese Ängste zu durchleben. Ich nickte „Ja , ich verstehe". Ich öffnete die Tür und verlies das Flugzeug. Als ich meine Tasche aus dem Verschlag nehmen wollte, spürte ich, wie eine Hand meine Wange streichelte. Ich dachte sofort an Marianne und fuhr herum. Dort stand jedoch zu meiner Überraschung Niam und strahlte mich an. „Arme Joe, Du hast ganz schön viel mitgemacht" sagte sie und lächelte mich an. Niam war die Frau meines besten Freundes, dem Tempelhofer, und erwartete, wie man unschwer erkenne konnte, ihr erstes Kind. Sie stand vor mir und streichelte mir über meine Wange. „ Die letzten Tage waren bestimmt nicht einfach für dich. Charlotte hatte uns angerufen und alles erzählt. Da wir hier eh in der Nähe waren, hatten wir die Idee, dass Du mit uns noch die restliche Tour machst und dann auch mit uns zurück nach Deutschland fliegst." Aha daher wehte der Wind und meine kleine Schwester hatte meinen besten Freund eingeschaltet um mir zu helfen. Ich war in diesem Augenblick etwas gerührt und erfreut.


    Zum einen war ich erfreut Niam hier zu sehen, zum anderen aber auch enttäuscht, da es nicht Marianne war, die hier vor mir stand. Kurz darauf tauchte auch mein Freund auf. Er schlug mir freundschaftlich auf die Schulter und nickte mir verstehend zu. „Na komm, wir haben drüben ein paar Quartiere für uns besorgt." Damit nahmen mich die beiden in die Mitte und wir gingen zum Parkplatz. George folgte uns auffällig ruhig aber auch gelassen. George war die ganze Fahrt über ruhig gewesen, es waren nur mein Freund und seine Frau, die mit mir sprachen. Obwohl, ein Gespräch konnte man es nicht wirklich nennen, eher ein Monolog. Mir war immer noch nicht wirklich nach reden zumute und so sprachen mehr die beiden. Es war nicht zu übersehen, wie sie versuchten mich aufzumuntern. Für sie war das auch einfach. Sie trugen nicht diese Ängste mit sich herum und vor allem sie waren nicht alleine, sie hatten einander gefunden. Sie liebten sich und wenn man den beiden zusah, kam man nicht umhin zu bemerken, wie harmonisch, glücklich und ausgeglichen die beiden mit einander umgingen. JA, das waren sie, glücklich und ausgeglichen. Glücklich und Ausgeglichen weil sie sich vertrauten. Ich hatte noch nie ein Wort des Zweifelns von ihnen gehört, wenn es um den jeweiligen Partner ging. Sie vertrauten sich in einer Art und Weise, die ich nie gekannt hatte. Mochte ich die beiden deshalb so sehr, weil sie mir vorlebten, was ich mir für mein Leben wünschte. Über meine Überlegungen hinweg hatte ich nicht mehr darauf geachtet, wo wir hinfuhren. So bemerkte ich erst, als alle Anderen ausstiegen, dass der Wagen vor einem mittelgroßen Chalet gehalten hatte. Es war schon am dunkeln und die Außenbeleuchtung war eingeschaltet worden. Sie war nicht besonders hell und so erkannte ich nicht was für Personen uns da im Eingang erwarteten. Während die Anderen bereits an der Tür waren und sich begrüßten, schaute ich ihnen, noch am Wagen stehend, wie von der Ferne zu. George rief meinen Namen und fragte, ob ich lieber im Auto übernachten wollte. Das löste mich aus meiner Erstarrung und ich ging zu den Anderen ins Haus. Drinnen im Eingangsbereich empfingen mich nicht nur Mariannes Mutter sondern auch zu meiner Überraschung meine Schwester Charlotte, meine Chefin, Jean und der alte van de Buecken. Nur Marianne war nirgends zu sehen. George war es dann wieder, der das Wort ergriff, nach dem sich alle begrüßt hatten. „Joe" sagte er, „ich hoffe Du verstehst, warum Marianne nicht hier bei uns ist, in diesem Moment." Wir gingen in ein große Kaminzimmer und er schaute mich erwartungsvoll an. Der Rest der Gruppe folgte und ich schaute sie alle der Reihe nach an. Plötzlich fiel es mir auf, sie alle mochten mich und sie vertrauten mir. Sie vertrauten mir, weil sich mich kannten und die vertrauten mir, dass ich das Richtige tun würde. „ Ja" kam meine Antwort „ich verstehe es." „So wirklich?" fragte der alte van de Buecken nach. Ich schaute ihn an und dann wieder die Anderen. „ Ich habe verstanden, das alles, was ihr in den letzten Tagen, mir habt zu Teil werden lassen, dass war, wovor ich immer Angst hatte. Ihr habt mir gezeigt, dass ich das alles selber herbeiführe, weil ich mich dementsprechend verhalte. Und ich habe vor allem eines gelernt, selbst wenn Marianne jetzt nicht hier ist, weil ich ihr zu sehr wehgetan habe, so vertraue ich ihrer Liebe zu mir und ich werde um sie kämpfen, denn ich weiß genau, was sie mir bedeutet. Ich weiß das ich sie niemals verlieren möchte, dass sie das Wichtigste in meinem Leben ist.". In diesem Moment flog die Tür auf und Marianne kam mir entgegen gerannt. Ihr langes Haar und ihr Kleid wehten nach hinten, so eilig hatte sie es, zu mir zu kommen. Mein Herz schlug schneller, ich breitete die Arme aus und fing sie auf. „Endlich hast du es verstanden, Du Dickschädel" sagte sie zu mir, bevor sich unsere Lippen aneinander schmiegten.


    Ende

  • Ein Beinahurlaub (Teil 1)

    „Das war mal wieder so richtig typisch für mich". Da möchte man sich nach 5 Wochen Dienst mal ein entspanntes Wochenende an der Küste gönnen und was passiert ? Gerade angekommen, Koffer noch nicht mal richtig ausgepackt und schon klingelt das Handy, der Chef mit einem neuen Auftrag! Es war schon schlimm genug gewesen, dass ich dieses Wochenende ohne meine Frau auskommen musste, nun jedoch war mit diesem Auftrag mein Erholungskurzurlaub ganz hinüber. Die Enttäuschung konnte man mir, in diesem Augenblick, buchstäblich im Gesicht ablesen. Aber so war das nun mal, wenn man, wie ich, Pilot für ein kleines Charterunternehmen ist, man steht ständig auf Abruf. So eben auch dieses Mal. Die Maschinen, die ich übernehmen sollte, stand in St. Peter Ording und war dami der Grund, warum mein Nordseewochenende ins Wasser fiel. Ich war mal wieder am falschen Ort zur falschen Zeit. Zu allem Überfluss klang der Auftrag dazu auch noch überaus spannend: "Ein "wichtiger" Geschäftsmann muss dringend zu einem Meeting nach Bielefeld gebracht werden". Bielefeld ein wirklich lohnendes Ziel, warum bitte nicht Hamburg oder Amsterdam, auch Köln/Bonn wäre, mir lieber gewesen, aber Bielefeld, naja. Auftrag ist eben Auftrag! Also schnell alle Pläne für das Wochenende über den Haufen werfen, Frau bescheid geben und ab ins Taxi zum "Flughafen".


    Dort angekommen grinst mich der Kollege, welcher die Maschine hergeflogen hatte, schon von weitem entgegen: "Na hast wenigstens einen kleinen braunen Fleck auf die Nase bekommen?" Ich war aber in diesem Augenblick so gar nicht zum Scherzen aufgelegt. Bekam er doch jetzt das lange Wochenende, welches ich gerne gehabt hätte. So brummte ich nur "Spaßvogel, ich wünsche Dir auch braune Flecken aber vom Matsch" und übernahm grummelnd die Papiere und Schlüssel, ohne viel weitere Worte. Selbst beim Einsteigen ins Taxi konnte der Kollege die Neckerei noch nicht sein lassen und ließ mich noch wissen, dass ich aufpassen sollte, der Kunde wäre ein empfindlicher Gast. Das auch noch, dachte ich und begann meinen Außencheck der Maschine.


    Wenigstens war der Kollege so freundlich gewesen die Maschine ordentlich geparkt, vollgetankt und sauber gemacht abgestellt zuhaben. So musste ich nur noch die direkten Startvorbereitungen durchführen. Nach dem ich 20 min später alles Notwendige erledigt hatte, fehlt nur noch der Gast. Der ließ sich jedoch etwas Zeit und so verbrachte ich einige Minuten mit Gedanken an meine Frau und das verlorene Wochenende. Es gab schon einen leichten Stich, wenn ich daran dachte, was ich jetzt nicht hatte. Als ich dann auf der Zufahrt ein Taxi anbrausen sah, überlegte ich spontan ob der Kollege habe etwas vergessen hatte. Um ihn zu ärgern, startete ich die Triebwerke und rollte schon einmal vor das Empfangsgebäude. Sollte er doch denken ich bin schon auf dem Weg und sich beeilen müssen, um mich noch zu bekommen, so mein nicht ganz sinniger Gedanke.


    Es war jedoch der erwartete Fluggast, der aus dem Taxi stieg und sich nun dafür bedankt, dass er durch die Abluft der Motoren musste. Oje, dachte ich, das fängt ja gut an! Zu allem Überfluss gibt es bei solchen Kurztrips bei der Firma keine Begleitung, welche den Gast mit viel Charme hätte besänftigen könnte. So entschuldigte ich mich bei meinem Gast mit meinem ganzen Charme und der Behauptung, ich wollte ihm nur den Weg verkürzen. Gott sei Dank beließ es mein Fluggast dabei und da er zudem kein großes Gepäck mit sich führte, musste ich nicht groß räumen und verstauen. Was die Zeit zudem auch noch verkürzte. Es konnte also zügig weitergehen. Als ich kurze Zeit später dann mein Fluggast „verstaut" hatte und selber wieder auf dem Pilotensitz platz nahm, war mein Gedanke, „Nichts wie weg hier! Lass uns den Job einfach schnell erledigen".


    Also los, per Funk die Startfreigabe über die 7 angefordert und zu meinem Glück bekommen. Wenigsten der Wind spielt zu diesem Zeitpunkt mit. Es wäre wahrscheinlich ein schönes Gemaule in der Kabine geworden, wenn ich die ganze Bahn hätte, erst runtertaxeln müssen, um am Ende zu drehen um Gas zu geben. So konnte ich gleich zum direkten Start losrollen. Nun noch den obligatorischen Check und das Anschnall- sowie Nichtraucherzeichen aktiviert und ich war fertig zum Takeoff. Da die Bahn in St. Peter Ording recht kurz ist, stellte ich Flaps auf voll, haute am Startpunkt die Bremse rein, ließ die Motoren anziehen und löste dann erst vorsichtig die Bremse. Die Maschine macht trotzdem einen kleinen Satz, bevor sie lossprintete. Hinter mir erntete ich dafür, wie konnte es anders sein, eine dementsprechende Beschimpfung. Für einen normalen und ruhigeren Start war die Bahn jedoch mit ihren sage und schreibe 670m Asphalt viel zu kurz. Da zudem am Ende der berühmte norddeutsche Stacheldrahtzaun wartete, empfahl es sich schnell auf Touren zu kommen.

  • Teil 2

    Wie erwartet wurde es eng am Ende der Bahn und ich musste sehr früh anlupfen. Ich fragte mich noch kurz, wie der Kollege hier überhaupt landen konnte? Hätte ich mir die Bremsen doch etwas näher betrachten sollen? Diese Gedanken wischte ich mir dann doch recht schnell aus dem Kopf, den nun hieß es Hochziehen und auf Kursgehen. So schön es gewesen war, den kurzen Weg über die 7 nehmen zu können, am Ende des Starts hieß es dafür einmal „ums Karussell drehen". Also eine volle 180° Drehung um auf den richtigen Kurs zu kommen. Als Entschädigung für diese Kurverei bot sich nach dem Überfliegen des Flugplatzes, dem Gast und mir, eine wundervolle Aussicht über die nordfriesische Küste und deren Inseln.


    Obwohl es von Anfang an recht windig und böig auf unserem Flug war, zumal ich mit 3000 Fuß auch nicht wirklich hochflog, um dem Gast eine Aussicht zu bieten, verlief der Flug bis Bremen recht ruhig. Zu ruhig, wie ich fand. Den der Gast schien plötzlich, nach dem wir auf Kurs waren, wie ausgewechselt zu sein. Es hatte den Anschein, als ob seine Redseligkeit und Freundlichkeit um jede Meile wuchs, die wir uns von St Peter entfernten. Und so erfuhr ich ganz nebenbei, dass es gar kein Meeting gab, sondern er nur schnell zu seiner Frau und den Kindern wollte, weil er ein schlechtes Gewissen ihnen gegenüber hatte. Ich frage gar nicht erst nach, warum er ein schlechtes Gewissen hatte. Den angeblich war er ja in St Peter im Familienurlaub gewesen.


    Kurz vor Bremen verschlechterte sich unser Flugwetter dann doch und ich hatte nicht mehr so viel Zeit mit meinem Fluggast zu sprechen bzw. über ihn nachzudenken. Der Wind frischt in Böen auf und rüttelte uns teilweise ganz schön durch. Ich wollte höher steigen, musste jedoch erkennen, dass vor uns eine breite und vor allem hohe Schlechtwetterfront lag. Der zuständige Controller bestätigte mir diese Beobachtung und empfahl „drunter" durchzufliegen.


    Ich blieb also „unten" und nach einer Weile, wurde es dunkel um uns herum. Dabei war es egal wohin man schaute, überall dunkle Wolken und wir waren mitten drin. Also Augen zu und durch. So heftig wie befürchtet wurde es dann auch. Der Regen prasselte gegen die Scheibe und Außenhaut und der Wind rüttelte kräftig an der Maschine. Nach dem uns einige Böen erwischt und ein paar Meter versetzt hatten, hörte ich von hinten auch wieder meinen Fluggast. Das, was ich jedoch von ihm hörte, war eindeutig. Schnell erklärte ich ihm, wo er das Benötigte ergreifen konnte, bevor es ein Malheur gab. Nach dem wir dann die Wetterfront durchstoßen hatten, kamen wir, abgesehen von ein paar kleineren Turbulenzen, wieder gut voran. Bald schon war das Unwetter hinter uns und Bielefeld in Reichweite. Auch meinem Fluggast ging es merklich langsam wieder besser.


    Beim Anflug auf Bielefeld musste ich dann leider auf die 29 einschwenken. Der Anflug auf die 29 bedeutete eine kleine Schleife, welche über einen bewaldeten Hügelkamm führt. Diese Gegend war für seine abwechslungsreichen Winde bekannt. Ich hatte in diesem Moment echtes Mitgefühl mit meinem Fluggast. Natürlich kam es wie es kommen musste! In diese geringen Höhe kam es zu deutlichen Turbulenzen und im Endanflug dann natürlich auch noch zu Seitenwinden. Hinter mir in der Kabine, war es bis zum Aufsetzen ganz still geworden. Nach der dann leider nicht sehr sanften Landung (eine Böe nahm mir das Aufsetzen ab) und einem damit verbunden heftigen abbremsen, standen wir dann auf dem zugewiesenen Parkplatz. Ich fuhr die Systeme runter und machte das Flugzeug fertig zum Aussteigen. Zu guter Letzt half ich meinem nicht mehr sehr erholt aussehenden Gast aus dem Flieger. Wie ich sehen konnte, wurde er schon sehnsüchtig erwartet und das er sehr bleich und erschöpft aussah dürfte ihm das Wiedersehen erleichtert haben.


    Nach dem ich den Abschlusscheck durchgeführt und die Maschine nachtfertig verschlossen hatte, stand ich nun im kühlen und feuchten Bielefeld. Mir ging in dem Moment nur ein Gedanke durch den Kopf:


    WAS IST JETZT MIT MEINEM URLAUB ???

  • Eine dumme Wette ( Teil 1)

    Es war noch stockdunkle als mich der Lieutenant weckte. Ich war etwas irritiert und desorientiert, einfach so aus dem Schlaf gerissen zu werden. Mein erster zaghafter Blick ging daher in Richtung meines Weckers. Halb 5! Mein Gott war das früh, mein offzieller Dienstbeginn war doch erst in 1,5 Stunden? Es war kalt in der Stube und ich wollte einfach noch länger im Bett bleiben. Aus der Ecke, in der der Lieutenant seine Bett hatte, vernahm ich Geräusche, die darauf hindeuteten das er gerade dabei war seine Montur anzulegen. „Nun machen sie schon, der Feind wartet auch nicht, bis sie so weit sind.“ Hörte ich ihn sagen, während er sich wohl fertig auf den Weg durch das Zimmer zur Barackentür machte. Das war sein Standardspruch um mich Morgens anzutreiben. Er wusste ich war ein Morgenmuffel. Es blieb mir also nicht weiter übrig, als mich aus dem Bett zu schwingen und mich auch fertig zu machen. Ich wusch mich kurz mit eiskaltem Wasser ab, um etwas wacher zu werden und schlüpfte dann schnell in meine alte Fliegeruniform, damit die Kälte in der Baracke mir nicht gleich zu Begin der Mission bis in die Knochen fuhr. Fertig angezogen machte ich mich dann doch zügig auf meinem Lieutenant zu folgen, ich wollte nicht zu spät zur Flugbesprechung erscheinen. Draussen vor der Baracke war es noch kälter und so klappte ich schleunigst den Pelzkragen meiner Fliegerkombi hoch, um wenigsten den kalten Wind, der zwischen den Baracken durchzog, nicht spüren zu müssen. Es war einfach verdammt früh und kalt an diesem Tag. Auf dem Weg zur Offizierskantine fragte ich mich, wie waren wir eigentlich in diesen Schlammassel mitreingeraten? Warum machte ich das alles mit? Warum flog ich zu dieser Zeit überhaupt in der RAAF?


    Wir, das waren mein Lieutenant Woodcock, er kommt aus Perth und meine Wenigkeit Captain Jack Collins. Ich stamme aus Queenscliffe Borough, Victoria Australien. Bloody hell ich weiß nicht wie ich zur RAAF gekommen bin. In meiner Familie sind alles Seefahrer, außer mir und keiner hatte sich je zu so einer Idee hinreisen lassen. Aber alles der Reihe nach. Wie kamen wir nun, um halb 5 Uhr morgens, hier auf diesen kleinen französischen Stützpunkt in CHAMBÉRY AIX, LES BAINS? Ein Stützpunkt, der eigentlich schon als geschlossen galt. Es war wie immer, eine blödsinnige Wette unter Fliegern oder sollte ich sagen unter Männern, den so dämlich können nur wir Kerle sein. Bei einem feuchtfröhlichen Abend vor ca. 2 Monaten in unserer Heimatkaserne in Perth, hatten mein Lieutenant und ich uns hinreisen lassen zu verkünden, unsere alten Tiger wären sogar besser gepflegt und gewartet, als die alten Kurierkisten der Frösche. Wie gesagt, typisch Kerle es geht doch nichts über ein gepflegtes Ego.


    Dass die Frösche Äh sorry die französischen Piloten, die gerade zu einem Manöver bei uns waren, dieses nicht auf sich sitzen lassen wollten, war natürlich klar. So wetteten wir eben, dass wir eine vorher festgelegte Strecke schneller schaffen würden als sie und das ohne Bruch. Dabei bezog sich „der Bruch“ auf eine Kiste besten französischen Weins, die jeder mitnehmen und abliefern musste. Wegen einer Kiste Wein (Ok es ist ein besonders guter) einmal quer über die Alpen, so lautete also das Vorhaben. Das Besondere dabei waren die schon genannten Bedingungen, zum einen mussten wir eine alte Tiger Moth benutzen, genauer gesagt die A17-448 aus der historischen Sammlung. Zum Zweiten mussten wir eine bestimmte Route abfliegen und dabei Bilder von ganz bestimmten Landpunkten mit Zeitstempel machen. Und drittens sollten wir das Alles in einer unmöglichen Zeit schaffen, ohne dass etwas in der Kiste kaputt ging. Die Kiste durften jedoch auch nicht extra gesichert werden. Es ging eben um das fliegerische Können. Ziel war eine historische Route der Kuriere aus dem Zweiten Weltkrieg CHAMBÉRY AIX LES BAINS nach Aosta (Italien).


    Und so war ich also nun hier gelandet und stapfte durch den kalten Morgen zur Einsatzbesprechung. Eigentlich war alles klar, die Route war bekannt, auch das Ziel und das Wetter. Womit ich nicht gerechnet hatte, war die Uhrzeit unseres Starts. Da hatte sich meine Lieutenant wohl eine kleine Überraschung für mich ausgedachte. Als ich in die Baracke eintrat, strömte mir warme und nach Kaffee duftende Luft entgegen. Welch wohltuender Duft wenn man müde und durchgefrohren ist. Zudem ist Lieutenant Woodcock einer von den Offizieren die auch an ihre Mannschaft denken und so hatte er mir bereits einen Pott dampfenden heißen Kaffee hingestellt. Dankend nahm ich den Pott entgegen und schaute gespannt auf die Karte die Lieutenant Woodcock auf dem Tisch ausrollte. Ein Schweizer Major Zellwege, der bei diesem verhängnisvollem Treffen als Beobachter dabei gewesen war, sollte der Schiedsrichter sein und war daher bereits anwesend als Lieutenant Woodcock unsere genaue Flugroute mit mir besprach. Wir durften von unserem Standort nicht gradlinig fliegen, sondern mussten über den Monte Blanc – Gletscher und danach durch die Ausläufer des Aostatals bis zum Flughafen Aosta fliegen. Die Franzosen waren vorgestern Mittag die Strecke mit ihrer Caudron c630 Simoun in 1 Stunde 59 min geflogen und hatten durch starke Winde und eine harte Landung insgesamt 2 Flaschen verloren. Sie waren nach eignen Angaben schon kurz nach dem Start über dem See heftig durchgeschüttelt worden und das bei eigentlich gutem Flugwetter.


    Natürlich war für unseren heutigen Flugtag schlechteres Wetter angekündigt. Daher zweifelte ich schon etwas, ob wir mit unserer schlechter motorisierten und leichteren Tiger die Zeit und die Schadensmenge der Franzosen schlagen konnten. Ähnlich dachten wohl auch die Franzosen, die sich, seit dem Wetterbericht für heute, sehr siegessicher gaben. Gut und schön, nun standen wir drei um kurz vor 5 Uhr um den Kartentisch und Lieutenant Woodcock erläuterte seinen Plan, wie wir die vorgegebene Flugroute und Bedingungen zu unserem Zweck ausnutzen wollten. Während ich mit meinem dampfenden Kaffeepott in der Hand auf die Karte schaute und mir versuchte, seine Erläuterungen einzuprägen, merkte ich, dass er mir gerade nicht alles erzählte, was er vorhatte. AHA das alte Schlitzohr hat wieder einen Plan, war mein Gedanke. Ich flog mit dem Lieutenant nun schon seit fast 5 Jahren als Team und wusste, was für ein Schlitzohr er war, wenn es darum ging, einen Vorteil zu finden und auszunutzen. Er wurde leicht unterschätzt.

  • Teil 2

    Nachdem Major Zellwege, als Schiedsrichter, dem Flugplan als im Rahmen der Abmachungen für gültig erklärt hatte, machten wir uns auf den Weg zur Maschine. Natürlich nahm ich noch zwei Thermoskannen Kaffee mit, man konnte ja nie wissen, wie kalt es werden konnte. Die Maschine war schon am Vortag unter Aufsicht der Franzosen und Major Zellwege fertiggemacht und mit der Kiste beladen worden. Jetzt beim Start war daher nur der Major zu gegen. Wir machten uns, nachdem wir unsere Tiger aufgeweckt hatten, auf den Weg zu Startbahn. Es war noch dunkel und Windstill, aber der Himmel fing langsam an, sich extrem Dunkelrot zu verfärben. So etwas hatte ich bei uns in Australien noch nie zu Gesicht bekommen. Es waren ersten Anzeichen dafür, dass die Sonne sich anschickte, über die Berge zu kommen. Lieutenant Woodcock trieb etwas zur Eile an und gab zu meiner Überraschung Befehl, dass wir von der 18 starten sollten. Da ich ihn kannte, fragte ich Ihn garnicht erst, warum wir einen Umweg nehmen und nicht wie die Franzosen direkt über den See gleich auf die Route gingen.


    Noch, während wir rollten, bekamen wir vom Tower die Startfreigabe. Der Lotse war zwar auch überrascht über den Umweg (hier wusste jeder über diese Wette Bescheid) wünschte uns aber ohne jeglichen weiteren Kommentar viel Glück. Ich schwenkte die Maschine auf die Bahn und gab sofort volle Leistung. Schon nach kurzer Zeit erhob sich unsere Tiger und wie ich es geahnt hatte, wurde der Lieutenant, kaum das wir keinen Boden mehr unter den Rädern hatten, gesprächig. Er wies mich an, sobald wir ¾ der Bahn hinter uns hätten, eine Kurve von 195 Grad zu fliegen, um dann den See gerade und schon direkt auf kursliegend zu überfliegen. Dabei sollte ich ab jetzt eine konstante Steigrate von 1 und eine mindest Geschwindigkeit von 10 Knoten einhalten. Ohne das er mir mehr erklären musste, war mir ab diesem Punkt plötzlich glasklar, warum wir so früh starteten. Die Luft war noch kühl und es gab wenig Turbolenzen oder sonstige Luftstörungen. Zudem hatte unsere Maschine durch die Kühle Luft merklich mehr Leistung, sodass ich sogar mehr als die 10 Knoten fliegen konnte, ohne einen Motorschaden zu riskieren. Weiterhin zeigte sich, dass der vom Lieutenant geplante Weg nur auf den ersten Blick einen Umweg darstellte. Da wir jetzt direkt fliegen konnten und das mit mehr Power, war unsere Steigrate nicht sehr steil was mehr Tempo bedeutet und die Gefahr von Flaschenbruch deutlich senkte. Zudem konnte ich dadurch die geringere Tragkraft der kalten Luft im Steigflug ausgleichen. Ich konnte es mir sogar erlauben unsere ersten Kurven etwas weiter zu fliegen, ohne wirklich Zeit zu riskieren.


    Nach den ersten Meilen zeigte sich wie geschickt der Lieutenant geplant hatte. Unseren ersten Kontrollpunkt „Réserve Naturelle Marais du Bout du Lac d'Annecy“ erreichten wir trotz der Schleife 5 min vor den Franzosen. Ich hatte sogar Zeit und Ruhe mich ein wenig umzusehen. Es war fazinierend die Berge so früh Morgens in ihrem Farbenspiel, das von der nahenden Sonne verursacht wurde, sehen zu können. Einfach ein einmaliges Erlebnis, dass der Lieutenant sichtbar genauso genoss wie ich. Ab und zu drückte er den Auslöser der mitgenommenen Kamera, um unseren Flug zu dokumentieren und die Pflichtbilder mit Uhrzeit zu machen. Das Schauspiel des Sonnenaufgangs in den Alpen muss man wohl selber mal erlebt haben. Für mich persönlich, war es wieder einmal eine Bestätigung, warum ich Flieger und nicht Skipper geworden war. Mutter Natur spielte mit allen Farben und Lichteffekten und tauchte die Alpen jede Minute in ein neues Farbenkleid.


    Da wir in der Morgenstunde unterwegs waren, gab es faktisch keinen Wind der uns vom Kurs wegdrücken oder als Gegenwind unser Vorankommen hinderlich sein konnte. Die Tiger schnurrte und spielte das gesamte Potenzial aus. Durch die Kühle Luft konnte ich sie, wie schon erwähnt, sogar auf voller Leistung belassen, ohne auf Dauer eine Leistungseinbuße zu befürchten. Wir kamen schneller voran, als ich gedacht hatte. Ab und zu musste ich nur minimal den Kurs angleichen um unseren nächsten Checkpoint den Monte Blanc - Gletscher zielgenau zu erreichen. Trotz wundervoller Aussicht und einem angenehmen Flug, genehmigten wir uns mit zunehmender Flugzeit immer häufiger eine heiße Tasse Kaffee aus der Thermoskanne. Der Wind und die negativen Lufttemperaturen waren trotz warmer Kleidung doch recht unangenehm. Auch kammen wir auf die verrückte Idee uns, um uns warmzuhalten, ein paar Sommerurlaubsgeschichten von unseren Familien zu erzählen. Allein der Gedanke an das warme Outback oder die schönen Strände ließen das Gefühl von Wärme aufkommen. Dabei stellte sich heraus, dass während es meine Familie immer gerne nach Tasmanien nach Coles Bay zog, der Lieutenant seinen Urlaub mit Familie gerne auf Whitesunday Island verbrachte, also zwei völlig entgegengesetzte Ziele. Ergebnis unser Geschichten war, dass wir vereinbarten die nächsten Sommer zuerst in Whitesunday Island und dann Coles Bay zusammen zu verbringen.


    Mittlerweile war die Sonne schon hinter den ersten Bergen aufgetaucht und es wurde heller um uns herum. Die Luft war jedoch noch immer ruhig und so kühl, dass ich auf voller Leistung bleiben konnte. Nach den Berechnungen des Lieutenant waren wir den Franzosen jetzt 6,5 min voraus. Trotzdem war uns beiden klar, dass das Rennen noch nicht gewonnen war. Besonders die Ebene des Mont Blance – Gletschers konnte bei aufkommender Sonnenstrahlung noch ein paar Überraschungen bereit halten.

  • Teil 3

    Jedoch, zunächst einmal verlief der Flug weiterhin wie von Lieutenant Woodcock berechnet und ruhig. Was unsere Flughöhe betraf, hatte er mir frei Hand gelassen, jedoch nicht ohne mir einzuschärfen, dass wir eine gewisse Höhe über den Bergkuppen einhalten sollten. Dieses war wichtig um nicht durch zu kühle Luft zu stark abzusacken bzw. nach dem Sonnenaufgang genügend Raum nach untern zu haben, um auf der sich erwärmenden Luft gleiten zu können. Das leuchtete mir ein und so versuchte ich eine Höhe zu halten die uns diese Vorteile bot uns aber auch gleichzeitig genügend Sauerstoff bereitstellte. Die Luft hier oben war doch merklich dünner. Zudem musste ich aufpassen dass die gute Tiger die Belastung nicht als zu viel empfand. Sie war zwar gut gepflegt worden, aber doch eine alte Dame und noch nie in den Alpen geflogen worden.


    Als wir am Monte Blanc ankamen, war die Sonne bereits richtig aufgestiegen und man spürte ihre wärmenden Strahlen. Als Nächstes hieß es jetzt vom Gletscher kommend am Grad entlang zu fliegen, um dann fast im reinen Schwebeflug in das Aostatal einzukurven. Ich hatte dem Lieutenant vorgeschlagen, das wir uns nahe am Schneefeld halten sollten, um die Kühle Luft für mehr Leistung nutzen zu können. Auf diese Art würden wir mehr Geschwindigkeit rausholen können auf den letzten Meilen und nur einen minimalen Umweg in Kaufnehmen müssen. Dieser Vorschlag wurde vom vorderen Sitz mit sehr viel Lob aufgenommen. So flogen wir am Monte Blanc entlang bis zum Beginn des Aostatals. Beim einkurven in das Tal, musste ich die Motorleistung daher nur langsam drosseln, so das wir anfangs nicht groß an Geschwindigkeit verloren. Auch im weiteren Verlauf des Abstieges konnte ich die Leistung höher als normal halten, da der Motor „kühl“ war und jetzt durch die entgegenströmende Luft des Abstiegs gekühlt wurde. So spektakulär ich den Flug über die Alpen bisher empfunden hatte so unspektakulär erwies sich der Landeanflug auf Aosta. Da wir aufgrund unserer internen Absprache genügend Höhe hatten, als ich in das Tal einflog, konnte ich einige Gebirgskämme die in das Tal reinreichten einfach überfliegen, statt umständlich um sie herum zu kurven.



    Zuerst hatte ich vor gehabt, den Flughafen von Aosta direkt ansteuern und auf der 27 zulanden, als ich jedoch tiefer in das Tal sang, merkte ich, dass das kleine Quertal vor der Bahn doch wie ein Windtunnel wirkte und für ordentliche Turbolenzen sorgen konnte. Nach kurzer Absprache mit dem Lieutenant, bat ich den Tower um einen Anflug über die 9er Bahn und die Angabe wie der Wind stehen würde. Zu unserer Überraschung hatte der Tower gegen meinen Wunsch nichts einzuwenden und sogar der Wind schien auf unserer Seite zu sein, den es blieb windstill, obwohl die Sonne schon die Nordhänge beschien. Ich flog also an unserem Ziel vorbei, machte eine halbe Platzrunde und schwebte, nach dem ich die Leistung auf das vertretbare Minimum gesenkt hatte, förmlich auf die Bahn. Es war wohl sie seichtest Landung die ich je mit einer Tiger Moth hingelegt hatte.


    Als wir nach dem Verlassen der Bahn wie vereinbart zum Tower rollten, sahen wir schon Major Zellwege und einen der französischen Offiziere an unsere Parkposition stehen. Sie waren mit einem Hubschrauber vor wenigen Minuten angekommen. Ich rollte unsere Tiger auf den Platz und machte den Motor aus. Kaum war der Motor verstummt sprang Lieutenant Woodcock freudestrahlend von seinem Platz, packte die Kiste mit allen Flaschen, natürlich unversehrt, aus und gab sie Major Zellwege. Der stoppte die Zeit und zeigte dem Franzosen seine Stopuhr. Freude, wie noch am Vortag, war in diesem Moment nicht in seinem Gesicht abzulesen, wie ich vergnügt feststellte. Nachdem ich alles ausgeschaltet hatte, stieg auch ich aus der Maschine und gesellte mich zu der kleinen Gruppe. Als ich ankam, verkündete der Major das offizielle Ergebnis.


    Wir hatten nur 1 Stunde und 45 Minuten benötigt und es war nicht eine Flasche kaputt gegangen !


    ENDE

  • 3mal Abflug (Teil 1)

    Eine frische Brise fegte über den Beton und trieb ein wenig Staub vor sich her. Die Sonne zeigte sich in einer Andeutung von abendlichem Rot und schickte sich an die Hausdächer zu erreichen. Ihr Licht tauchte die Umgebung und den Platz bereits in ein warmes, stimmungsvolles Orange. Wobei, als einen Platz im herkömmlichen Sinne konnte man den Ort nicht bezeichnen, eher ein zubetoniertes Feld, das Vorfeld eines Flughafens. Und obwohl dieser Flugplatz mitten in der Stadt lag, empfand ich Ruhe in mir, seit ich das Flugzeug verlassen hatte. Ich war endlich, nach so langer Zeit, wieder am Begin meiner Reise angekommen. Hier hatte alles angefangen, hier auf diesem Vorfeld des Flughafens Berlin-Tempelhof. Ich reckte meinen Kopf in Richtung Sonne, schloß die Augen und gab mich meinen Erinnerungen hin. Meine Gedanken gingen zurück zu den Tagen, da ich hier auf diesem Platz die „großen“ Flugzeuge der amerikanischen Streitkräfte bewunderte. Es war die Zeit in denen mein Traum, Pilot zu werden, anfing zu reifen. Mittlerweile hatte sich mein Wunsch erfüllt und ich war Berufspilot. Genau dieser Beruf hatte mich nun zurückgebracht. So stand ich, nach einem 6-stündigen Flug, auf diesem für mich so bedeutetenden Platz und schaute der abendlichen Sonne entgegen. Ich freute mich auf 3 Tage Berlin. Auf 3 Tage wohl verdienter Pause. Seit Tagen war ich ununterbrochen im Einsatz gewesen. Der Job schlauchte ziemlich. Obwohl ich „nur“ Transportflieger ohne Passagiere war, war es doch recht anstrengen. Immer nur kleine Etappen, was durch die häufigen Starts und Landungen viel Aufmerksamkeit bedurfte, dazu kam die Überwachung der Ladezeit und der dazu gehörige Papierkram. Zudem, wie in der Branche üblich, fehlte es der Firma an qualifizierten Piloten, wodurch an freie Zeit kaum zu denken war. Diesen Kurzurlaub hatte ich mir also redlich verdient und es sollte, nein durfte, keine Unterbrechung meine Erholung geben. Daher hatte ich mir von meinem Brötchengeber das Versprechen eingeholt, tatsächlich die volle Zeit für mich zu haben. So ein Versprechen bekommt man auch nicht alle Tage und so nahm ich mir fest vor, diese Zeit gut zunutzen. Ich wollte einen ganzen Tag faulenzen und mich dann 2 Tage lang in meiner Geburtstadt umschauen. Wie lange war ich nicht mehr hier gewesen? Ich war schon gespannt weclhe Veränderungen es in der Stadt gegeben hatte. Zudem hatte ich vor, etwas schönes für meine Frau Niamh zukaufen. Zu meinem großen Bedauern konnte sie mich diesmal nicht, wie gewohnt, auf meinem Flug begleiten, ausgerechnet jetzt, da ich endlich mal wieder nach Berlin flog. Jedoch erwarteten wir unser erstes Kind und sie musste wegen einiger Untersuchungen bei ihrer Familie bleiben. Mir wurde auch jetzt noch ganz warm ums Herz, wenn ich an den Moment zurückdachte an dem sie mir dieses freudige Ereignis mitgeteilte hatte. Sie war mir damals hierfür extra mit ihrem Cousin nach Bielefeld gefolgt, wo ich gerade mit einem Auftrag gelandet war. (siehe zwischen EINN und EICK)


    In dieser guten Stimmung, machte ich mich auf in mein Hotel, das direkt neben dem Flughafen lag. Dort angekommen bezog ich zügig mein Zimmer, mit einem wundervollen Blick auf den Flughafen. Ich wollte es mir sofort gemütlich machen, mir eine ausgiebige Dusche gönnen und mich danach bei einem guten Bier und einem schönen Film so richtig zu entspannen. Wie gesagt, ich wollte! Gerade als ich anfing es mir sorichtig bequem zumachen, vernahm ich ein immer lauter werdenden Ton. Nein dachte ich, du irrst dich, Du hast jetzt 3 Tage frei. Aber der Ton, welcher sich mitlerweile als Klingelton entpuppte, wurde immer lauter und aufdringlicher. Schließlich gab ich auf und nahm das Handy in die Hand. Meine kleine Hoffnung im ersten Moment war, das es doch Niamh sein könnte, die sich erkundigen wollte, ob ich gut angekommen sei. Der Blick auf das Display ließ diese Hoffnung jedoch schnell gegen Null schwinden. "Ja hallo, Ich hoffe sie hatten einen angenehmen Flug…. und äh heute Nacht kommt Karl mit der Cheyenne nach Tempelhof. Tja, was soll ich Ihnen sagen, er hat schon ne Menge Flugstunden und die Maschine muss morgen früh wieder raus nach Frankfurt mit einer eiligen medizinischen Lieferung." Ich wagte garnicht erst zu widersprechen, es hätte eh wenig Erfolg gehabt. Fast schon automatisch mit einem etwas resignierten Unterton fragte ich daher nur noch "Wann ?". Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten, was mir bestätigte, dass es keinen Sinn gehabt hätte zu widersprechen. " Na nicht sofort! Da sie ja auch noch Ruhezeit haben wird es nicht so früh sein. …äh … aber spätestens um 5:30 Uhr müssens starten". "Na fein", dachte ich, also nur noch schnell duschen und dann schlafen. Nichts mit 3 Tagen Berlin, nichts mit Entspannung. "Aber als Trost habe ich eine kleine Überraschung für sie in Frankfurt, also schlafen sie gut wir sehen uns dann morgen." Mein Arbeitgeber hatte wohl doch ein schlechtes Gewissen, den solche Überraschungen war ich von ihm nicht gewöhnt. Trotzdem blieb mir also nichts weiter übrig, als morgen unsere Cheyenne zu übernehmen und die Tour zu fliegen. Immerhin war die Cheyenne mal eine Kleine Abwechslung gegenüber den sonstigen Transportkisten.


    Nach einer viel zu kurzen Nacht und einigen hastig getrunkenen Schlucken Kaffee war ich dann kurz vor 5 Uhr an der Maschine. Nun stand ich also wieder viel zu schnell auf dem Vorfeld. Es war bereits Ende September und so war es noch recht dunkel und es lag erster Raufreif auf dem Boden. Die leichte Briese kühler Morgenluft liess mich bereits ein wenig frösteln. Der Sommer war wohl wirklich vorbei. Immerhin war für heute gutes Flugwetter angesagt, was für mich wenig Wind, viel Sonne und in Frankfurt schöne 20 Grad bedeutete. Als ich dann mit der Inspektion der Maschine anfing, stellte ich erfreut fest, das mein Kollege bereits alles was möglich war vorbereitet hatte. Auch die Fracht war gerade eingetroffen und konnte zügig von mir verladen werden.


    Ende Teil 1

  • Teil 2

    Nach dem dieser erste Teil erledigt war, arbeite ich konzentriert die weiteren Checklisten ab um die Vorbereitungen zu beenden. Hierbei genehmigte ich mir ab und zu einen kurzen Blick aus dem Cockpit. Aus meiner Kindheit wusste ich, dass es in Berlin ganz besonders schöne Sonnenaufgänge gab, die sich durch satte und wundervolle Rottöne hervortaten. Genau so einen Sonnenaufgang durfte ich gerade erleben. Es war wie ein trauriger, aber nett gemeinter Gruß meiner Heimatstadt, die ich nun nicht, wie vorgenommen, erleben konnte. Auch war es schade, dass ich bereits auf dem Weg nach Westen sein würde, wenn hier die Sonne richtig über den Horizont stieg. Ich musste mich richtiggehend loseisen von dem Anblick der aufgehenden Sonne, aber im Gepäck hatte ich eilige medizinische Güter und die konnten nicht warten. Für meinen Start in den frühen Morgenstunden hatte ich einen zeitlich beschränkten Sondercode 7000 erhalten. Immerhin es war Sonntag und eigentlich herrschte zu dieser Zeit Start- und Landeverbot in Berlin.


    Also lautete das Gebot der Stunde, nicht lange trödeln, sondern rasch aber konzentriert die letzten Handgriffe tätigen, um dann in Richtung Frankfurt/Main aufzusteigen. Nachdem alles vorbereitet war, fehlte nur noch die Flug- und Rollfreigabe vom Controller. Auf die entsprechende Anfrage bekam ich dann auch zügig eine Antwort. Leider so zügig, dass ich nicht ganz aufgepasst hatte und in meinem Bestreben das Zeitfenster nicht zu verpassen und die letzten Handgriffe zu erledigen, dem Lotsen nicht richtig zugehört hatte. Fast automatisch kam daher von mir die Anfrage, die Wegbeschreibung noch einmal detailiert zu wiederholen und mir Hilfestellung zu geben. Als Antwort kam nur ein gedämpftes Lachen vom Tower. „Er könnte sich ja auf den Umlauf stellen und mit der Taschenlampe winken dann würde ich die Bahn schon sehen“.


    In diesem Moment wurde mir mein Fehler bewusst. Man sollte sich wirklich auf das konzentrieren, was man gerade tat und nicht zwei Dinge auf einmal machen, schoss es mir durch den Kopf. Es war natürlich Sonnenklar, warum meine Anfrage für den Tower eher wie ein Witz erscheinen musste, als eine ernste Anfrage. Tempelhof besteht im Prinzip nur aus einem kreisförmigen Rollweg in dessen Mitte zwei Runways angelegt sind. Da mein Parkplatz direkt am Tower auf dem GA-Stellplatz lag, stand ich praktisch schon direkt neben der zugewiesenen Runway. Kürzer ging es also kaum noch. Sich in Tempelhof zu verfahren, war dann doch schon ne Kunst, die man erstmal beherrschen musste. Nach einen „lineup“ und „cleare for take off“ schwenkte ich auf die besagte Bahn ein. Da in Tempelhof die Ausrichtungen der Bahnen in West/Ost – Richtung verlaufen, schaute ich nun beim Start direkt in die aufgehende Sonne gen Osten. Mir bot sich zum Abschied noch einmal ein grandioses Schauspiel. Ich hielt sogar kurz den Atem an und zögerte bei der Fortführung des Starts, den dieses Naturschauspiel war einfach Atemberaubend.


    "Na wollse nich wech aus Berlin? So een Sonnenufgang bekommen se nur hier". Dem Towerlotsen war mein Zögern auch aufgefallen. Obwohl es mir doch irgendwie peinlich war auf diese Weise im Funk angesprochen zu werden, konnte ich nicht anders und musste laut lachen. Diese „Berliner Art“ des Lotsen war einfach zu erfrischend. "Bei dieser Freundlichkeit fällt mir das wirklich schwer heute." Ich wünschte ihm noch einen schönen Sonntag und wiederholte dann die Startfreigabe. Auf in Richtung Sonne.


    Viel Zeit zum Genießen blieb jedoch nicht. Gerade in der Startphase hat man als Pilot doch einiges zu tun. So konzentrierte ich mich kurz nach dem Take-off sofort auf die Fluglage und den richtigen Kurs. Dieser war aufgrund meines Sonderstatuses als Medicalflight recht gradlinig, so das ich am Ende der Gegenkurve in den seltenen Genuß kam den zweiten berliner Airport Tegel direkt überfliegen zu können. Durch die gerade aufgehende Sonne ein wunderschöner Anblick. Aber auch dafür hatte ich nicht viel Zeit, den direkt nach dem Überflug musste ich auf meinen endgültigen Kurs einschwenken. Am Ende dieser Kurskorrektur war ich dann jedoch auf meinem Weg nach Frankfurt/Main. Good Bye Berlin!


    Nach dem der Kurs anlag und ich den Autopilot seine Arbeit machen ließ, hatte ich wieder Zeit meine Gedanken und Blicke zweifen zu lassen. Wie kann man nur sooo früh aufstehen. Ich war jedesmal über mich erstaunt, wie ich soetwas fertig brachte. Trotzdem war ich froh, das mir die Bedienung des Hotels eine große Thermoskanne mit Kaffee mitgegeben hatte. So schlürfte ich, kaum dass der Autopilot die Arbeit übernommen hatte, meine erste Tasse heißen Kaffee und genoss die schöne morgendliche Aussicht. Es ist immer wieder bemerkenswert, sobald man in der Luft ist, sieht alles wundervoll von hier oben aus. Das galt vorallem für den Sonnenaufgang, in den ich hineingestartet war und den ich noch ein wenig betrachten durfte. Ein unglaubliches Spiel von Farben bis zu dem Zeitpunkt an dem die Sonne dann den Horizont überschritten hatte. In mir breitete sich ein wohliges Gefühl aus, trotzdem aus meinem Kurzurlaub nichts geworden war. Ich fühle mich gerade einfach gut hier oben, die Motoren brummen, man hört die Windgeräusche und ich war mit mir alleine.


    Beim betrachten dieses schönen Sonnenaufgangs und mit diesem wohlige Gefühl in mir, war ich einfach zufrieden. Ich wollte in diesem Moment mit keinem anderen Menschen auf der Welt tauschen. Zuhause wartete eine wundervolle Frau (und bald auch eine Tochter) die mich liebten, ich hatte einen Beruf der mir Freude bereitet, Freunde und Verwandte mit denen man gerne zusammen ist und in meinem Job wurde nie wirklich langweilig. Wenn ich gewusste hätte was vor mir lag, hätte ich letzteres bestimmt dick unterstrichen. Jedoch in diesem Moment fühlte ich mich, trotz der frühen Stunde, pudelwohl. Eventuell lag es aber auch daran, dass mittlerweile die Heizung lief und der heiße Kaffee seine Wirkung tat.


    Ende Teil 2

  • Teil 3

    Der Wetterbericht hielt was er versprach und es würde ein normaler und ruhiger Flug werden. Sonne pur mit vereinzelten Quellwolken und keinen stärkere Windbewegungen, die mehr Aufmerksamkeit von mir gefordert hätten. Da es ein einfacher Geradeauskurs war, wollte ich mir den Flug etwas abwechslungsreicher gestalten und bat um eine Flughöhe an der untere Grenze von Echo. Hierdurch konnte ich die Landschaft mit ihren Wäldern, Feldern und Dörfern besser sehen und schöne Eindrücke sammeln. Wenn das mein Chef wüsste, oh oh!


    Auch wenn ich diesen Flug genoß, war ich doch froh als die ersten Türme der Frankfurter City in Sicht kamen. Den um so näher ich meinen Ziel kam, umso deutlicher stieg die Neugierde in mir. Was hatte mir mein Chef gestern noch gesagt? "Als Trost habe ich eine kleine Überraschung für sie in Frankfurt,...".

    Wir Menschen besitzen eine merkwürdige Eigenart. Immer wenn wir nicht wissen was auf uns zu kommt, fangen wir an uns alles Mögliche und Unmögliche vorzustellen. So fing auch ich an meine Gedanken um die Überraschung kreisen zu lassen. Ich fingt an mir vorzustellen, was diese Überraschung sein könnte. Natürlich denkt man zuerst an die Dinge, die man sich am meisten Wünscht, so war es auch bei mir. Ob er wohl Niamh nach Frankfurt geholt hatte, damit ich dort mit ihr ein paar Tage zusammen verbringen konnte? Nein! Das war wohl doch unmöglich. Niamh war bei Ihrer Familie in Donegal und wollte sich nach den Untersuchungen ausruhen. Sofort kam mir der nächste Gedanke „Hm, würde ich eventuell Sonderurlaub bekommen, um zu ihr fliegen zu können?“ Wohl doch wohl auch eher ein nein, ganz bestimmt nicht! Erstens hatte die Firma zu wenig Piloten und zweitens sagte er ja "in Frankfurt". Hmmm?... Und so löste ein Gedankenspiel das nächste ab. Aber irgendwann in diesen Gedankenspielen passiert es einem dann doch immerwieder. Man kommt, ohne es zu wollen, zu den nicht so schönen Möglichkeiten. Das blöde dabei ist, dass man dadurch in ein Gefühl der Enttäuschung rutscht, ohne das wirklich etwas passiert ist. So erging es nun auch mir.

    Bestimmt, so dachte ich, gab es nur wieder so ein Papier mit einer Sonderzulage und Blumenstraus oder noch schlimmer ein langweiliges Dankeschönessen, in einem feinen und teurem Restaurante. Aber auch ein kleines billiges Präsent für „fleißige“ Arbeit mit feuchtem Händedruck war in meinen Gedanken möglich, was für mich wohl das Schlimmste war, was ich mir gerade so vorstellen konnte. So überlegte ich, während der Fraport immer näher kam, völlig deprimiert weiter. Fast wie zur Bestätigung meiner schlechten Vorahnung und passen zu meiner schlechten Stimmung, die sich nun bei mir breitgemacht hatte, musste ich den Airport im Gegenanflug anfliegen. Für mich hieß das also einmal ums Karree, oder wie man auch sagen könnte, ich musste einen Kirchturmflug absolvieren. Immerhin würde die mir zugewiesene Landebahn, nah genug am vorgesehenen Terminal liegen. Wodurch ich wenigsten einen kleinen Vorteil von dem Rundflug hatte. So dachte ich zumindest.


    Aber irgendwie schienen meine böse Vorahnungen schneller als ich am FRAPort eingetroffen zu sein und so kam es wie es in solchen Fällen kommen musste. Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Kaum das ich gelandet war, leitete mich der Groundcontroller nicht zum anfangs vorgesehen Frachtterminal, sondern zum Aviationparkplatz Südwest. Das lag nur wirklich nicht nur etwas, sondern deutlich anders als geplant, um nicht zu sagen so gut wie auf der anderen Seite. Ich durfte also noch etwas länger rollen, mir den Flugplatz begucken und dabei weitergrübeln.


    Um so näher ich meiner neuen Parkposition kam, um so stärker wich der Ärger der wieder ansteigenden neugierigen Spannung. Welche Überraschung hat mein Chef für mich nun vorbereitet? Ich schaute daher recht angestrengt, ob ich irgendetwas Besonderes an der Position ausmachen konnte. Aber außer dem Follow Me Car und einem Krankenwagen, der die Ladung entgegennehmen sollte, konnte ich nichts entdecken. Da ich eh durch das Grübeln in etwas schlechter Laune war, kam mir natürlich der Gedanke, ob sich mein Chef nicht einen Scherz mit mir gemacht hatte. Hatte er womöglich nur vor gehabt, mich gleich in den nächsten Flug zu bekommen? Es war schon anstrengend, dieses Grübeln, wenn man nicht weiß, was kommt.


    Am Ende war niemand aufgetaucht um meine Neugierde zu befriedigen. Nicht einmal eine Nachricht war eingetroffen, die mir meine Neugierde genommen hätte. Ich ließ innerlich doch den Kopfhängen. Er hatte mich wohl doch nur dazu bringen wollen den Flug zu machen. Nun hieß es ersteinmal die Arbeit ordentlich beenden. Die Maschine würde am Abend von einer anderen Crew für einen Geschäftsflug gebraucht werde. So kam es mir gelegen mich damit abzulenken für die Kollegen alles vorzubereiten und die Maschine sauber zu machen. Am Ende fuhr ich die Systeme komplett runter und verließ die Maschine. Nun stand ich also draussen wie bestellt und nicht abgeholt. Ein leichter und warmer Wind streichte mir über das Gesicht und die Sonne schien wärmend in meinen Nacken. Die Luft roch nach Kerosin und im Hintergrund vernahm ich die aufheulenden Aggregate eines Airbuses. Eigentlich eine Stimmung die ich gerne hatte, die ich sogar genoß. Mein Kopf wollte da jedoch heute nicht mitspielen, immer wieder erinnerte er mich an zwei brennende Frage. Zum einen, wie kam ich jetzt hier weg und zum anderen, Verdammt was war nun die Überraschung?


    So stand ich den nun vor der Maschine, um mich herum Betrieb vom feinsten und weit und breit kein Shuttle, kein Chef und vor allem keine Überraschung. "Verdammt, was sollte ich hier?“ Hatte mich mein Chef jetzt wirklich an der Nase rumgeführt. „Das ist nicht fair!“ Meine selbst verschuldet Verärgerung aus den Gedankenspielen wuchs sich nun zu einer richtigen Säuerniss an. Mein Chef müsste doch nach all den Jahren wissen, wie ich soetwas hasste. Was würde ich jetzt darum geben, bei meiner Frau in Donegal zu sein. Der Gedanken an Niamh hal mir wieder etwas runterzukommen und mich zu beruhigen. „Ok, dann ist es jetzt halt so und nicht zu ändern!“ Ich hollte tief Luft, vergewisserte mich noch einmal das die Cheyenne abgeschlossen war und griff zum Handy um den Fahrdienst anzurufen. Irgendwie wollte ich nur noch runter von diesem Airport und in ein Hotel. Wahrscheinlich würde es dann jedoch nicht bei einem Bier bleiben. Also schnell die Numme rausgesucht und … Meine Glücksträhne schien noch nicht beendet zu sein. In dem Handy, das ich mitgenommen hatte, ja richtig geraten. Die Nummern vom Fahrdienst hatte ich nicht gespeichert gehabt, na klasse! Es blieb mir also nichts anderes übrig, als jemanden zu finden der mir weiterhelfen konnte. Also ab rüber zu den Hangarschuppen, die werden doch wohl ein Telefon haben?


    Ende Teil 3